Vom Lehrprojekt zur Lehrarchitektur
Ein Beitrag von Dr. Christian Kühn
Lehrentwicklung passiert nicht nur im Seminarraum und nicht allein über neue Methoden. Lehre ist immer eingebettet in Organisationsstrukturen, Abläufe und Entscheidungspfade einer Hochschule. Der Begriff „Lehrarchitektur“ rückt genau diese Rahmenbedingungen in den Fokus – und versteht sie als gestaltbare Grundlage guter Lehre. Es geht darum, Bedingungen so zu verändern, dass Innovationen nicht an einzelnen Lehrveranstaltungen oder Studiengängen hängen bleiben, sondern breiter und nachhaltig wirksam werden.
Typisch für die geförderten Projekte ist, dass sie selten nur an einer Stelle ansetzen. Fast alle Vorhaben kombinieren mindestens zwei Dimensionen, mit denen Lehrarchitekturen gestaltet werden sollen. Am häufigsten verbinden Hochschulen curriculare Neuerungen mit strukturell-strategischen Veränderungen, etwa der Anpassung von Gremienstrukturen oder Zuständigkeiten. Ebenfalls verbreitet sind Projekte, die administrative Prozesse neu aufsetzen oder technische Entwicklungen mit methodisch-didaktischen Innovationen verknüpfen.
Inhaltlich greifen viele Projekte Themen der Organisationsentwicklung auf: Sie streben an, Verwaltungs-, Entscheidungs- und Steuerungsstrukturen so auszurichten, dass Lehre schneller auf neue Anforderungen reagieren kann. Wenn Studiengänge reformiert und Curricula weiterentwickelt werden, stehen häufig Prüfungsordnungen, Modulstrukturen und Studiengangportfolios auf dem Prüfstand. Derartige Veränderungen werden als notwendig erachtet, da gesellschaftliche Megatrends und eine als krisenhaft und schwer planbar erlebte Gegenwart die Kompetenzanforderungen an Studierende grundlegend verändern.
Lehrinnovationen durch Organisationsentwicklung ermöglichen und absichern
Der Umfang der angestrebten Strukturveränderungen fällt sehr unterschiedlich aus. Manche Projekte optimieren bestehende Praktiken, andere justieren einzelne Bereiche neu – und einige zielen auf einen klaren Bruch mit eingespielten Routinen und Organisationskulturen, die als nicht mehr zukunftsfähig gelten. Damit die Neuerungen nicht als zeitlich begrenzte Projekte verpuffen, setzen die Hochschulen auf institutionelle Absicherung: Sie bauen neue Organisationseinheiten und Infrastrukturen auf, schaffen Formate für eine koordinierte Studiengangentwicklung, passen rechtliche und administrative Prozesse an oder verankern Innovationen in bestehende Governancestrukturen.
Aus der Verbindung von Innovationsgrad und Art der Organisationsentwicklung lassen sich vier typische Herangehensweisen unterscheiden, in die sich die Projekte einordnen lassen. Diese Cluster reichen von eher behutsamen Optimierungen bestehender Strukturen bis hin zu Vorhaben, die auf tiefgreifende Umbauten der Lehrarchitektur zielen. Viele Projekte kombinieren dabei Elemente mehrerer Cluster, wobei in den Anträgen in der Regel eine priorisierte Herangehensweise ausgemacht werden kann.
Umbau-Projekte – bestehende Strukturen neu zuschneiden
Dazu zählen etwa der flächendeckende Ausbau inter- und crossdisziplinärer Studienangebote (zum Beispiel Projekt ACDC), die Etablierung von KI-gestützten Assessment-Labs (zum Beispiel Projekt FAUstairs) oder die Neuausrichtung postgradualer Qualifikationsphasen (zum Beispiel Projekt CUNQUER). Kennzeichnend ist die Kombination aus deutlichen strukturellen Eingriffen und gleichzeitig enger institutioneller Verankerung. Die Veränderungen verbleiben innerhalb der gewohnten rechtlichen und organisatorischen Rahmungen.
Systemerprobende Projekte – neue Modelle testen
Anders agieren Vorhaben, die besonders weitereichende Veränderungen erproben und mit neuen Organisations- und Studienformaten experimentieren, die das bisherige System unter anderem im Bereich der Akkreditierung, der Anerkennung oder der Lehrentwicklung herausfordern. Hierzu zählt etwa der Umbau von Fachbereichen hin zu Kompetenzfeldern (zum Beispiel Projekt ARCHIPEL), die Entwicklung experimenteller, fluider Masterformate (zum Beispiel Projekt ALaZukunft) oder eine Lehrentwicklung, die in hochschulübergreifenden Allianzen stattfindet (zum Beispiel Projekt CiT). Institutionelle Grenzen werden verschoben und rechtliche Spielräume teilweise neu verhandelt. Das hohe Innovationspotential geht mit hohen kulturellen und politischen Risiken einher, sodass die Einbindung politischer Akteure zu einer Gelingensbedingung wird.
Netzwerk-Projekte – Bewährtes in die Fläche bringen
Innovativ ist hier weniger das einzelne Instrument als vielmehr die Ausweitung über institutionelle Grenzen hinweg, die durch Kooperation erreicht werden soll. Die nachhaltige Koordination wird hierbei zur Herausforderung. Im Mittelpunkt derartiger Vorhaben stehen etwa landesweite Zertifikatsprogramme oder der Aufbau von Verbünden, in denen digitale Infrastrukturen, Beratungs- und Supportangebote oder Qualifizierungsformate gemeinsam entwickelt und genutzt werden (zum Beispiel Projekte LernKI, save_u, QLeVer).
Grundlagen-Projekte – Infrastrukturen für Veränderungen bauen
Diese Vorhaben verändern die Lehrpraxis nicht überall sofort, schaffen aber die Grundlage, auf der spätere Reformen breit ausgerollt werden können. Dazu gehören etwa Monitoring- und Frühwarnsysteme (zum Beispiel Projekt Bridge), Hubs für neue Kompetenzfelder wie KI (zum Beispiel Projekt LAICA) oder übergreifende Lehrkonzepte, die systematisch in Curricula und Studienphasen integriert werden sollen (zum Beispiel Projekte ReAction, Vision). Die Verstetigung und tatsächliche Breitenwirkung gilt es langfristig zu erkämpfen.
Die Anträge der „Lehrarchitektur“-Projekte zeigen, dass Hochschulen Lehrentwicklung zunehmend als Aufgabe der gesamten Organisation begreifen – und teilweise sogar ihr institutionelles Umfeld mitziehen wollen. Dazu brauchen die Vorhaben neben fachlich-disziplinären und hochschuldidaktischen Kompetenzen vor allem Know-How im Bereich Change-Management und Organisationsentwicklung. Entscheidend wird nun sein, ob es ihnen gelingt, die in den vier Clustern skizzierten Maßnahmen und Ziele mit der notwendigen Flexibilität in die Praxis zu überführen und die erzielten Fortschritte dauerhaft zu sichern. Denn nur so kann der angestrebte Wandel der Lehrarchitektur der Hochschulen nachhaltig gelingen.
Zum Autor
Dr. Christian Kühn
ist promovierter Bildungswissenschaftler und arbeitet aktuell als Strategie- und Organisationsberater bei HIS – Institut für Hochschulentwicklung e. V.