Lehre im Team
Ein Beitrag von Anna-Sophie Barbutev
Geographie-Studierende aus Würzburg und Bonn, die gemeinsam in Kapstadt Teil eines dekolonialen Exkursionsmoduls sind, ein Seminar zu emotionaler Geographie mit Studierenden aus Bremen und Halle oder Studierende aus Österreich und Deutschland, die gemeinsam Bildungsmaterialien zu Stadtklima und Stadtnatur entwickeln: Alle Lehrveranstaltungen eint, dass sie standortübergreifend im Rahmen des von uns geförderten Projekts „GeoTandems“ durchgeführt wurden.
Teamteaching ist eine kooperative Lehrmethode, bei der zwei oder mehr Lehrende zusammen eine neue Idee für eine Lehrveranstaltung oder ein Modul entwickeln und gemeinsam erproben. Manchmal erfolgte die Umsetzung nur mit den Studierenden am eigenen Standort, in anderen Fällen wurden die Studierenden beider Universitäten gemeinsam unterrichtet. Für das Fach Geographie wurden im Rahmen des Projekts sechs Teams nach einer Ausschreibung ausgewählt, um standortübergreifend eine Lehrveranstaltung zu konzipieren und durchzuführen: „Die Literatur zeigt, dass es wenig hilft, mangelnde Lehrkompetenzen durch Teamteaching zu kompensieren. Durch die Verbindung von Lehrenden, die fachlich auf Augenhöhe sind, können aber ganz neue Lehrformate und Erkenntnisse für beide Hochschulen entstehen“, sagt Prof. Dr. Ivo Mossig (Universität Bremen), der das Projekt koordiniert hat.
Zur Person
Prof. Dr. Ivo Mossig
Ivo Mossig ist Professor für Humangeographie mit dem Schwerpunkt Wirtschafts- und Sozialgeographie an der Universität Bremen.
Eine wichtige Gelingensbedingung zu Beginn: „Die Partner eines Tandems kannten sich bereits, zum Beispiel von Konferenzen. Uns war es wichtig, dass sich für die Tandems Personen finden, die eine fachliche Nähe haben und die im besten Fall auch geographisch nicht zu weit auseinander liegen“, sagt Mossig. Ausgangspunkt für die GeoTandems war der „Arbeitskreis Hochschullehre Geographie.“ Mossig ist einer von drei Sprecher:innen des Netzwerks: „Wir sind Professor:innen, PostDocs und Doktorand:innen. Die meisten definieren sich als Forschende, nehmen aber auch die Lehre als Teil des Jobs sehr ernst. Dafür haben wir diesen informellen Austausch durch das Netzwerk, das seit 20 Jahren besteht und in der Fach-Community gut sichtbar ist. Wir wollten das Format Teamteaching für unser Fach erproben.“
„Es ist wichtig, frühzeitig gemeinsame Ziele zu definieren und individuelle Erwartungen zu klären – das gilt auch für die Zusammenarbeit.“
Offizieller Start für die GeoTandems war ein zweitägiger Kick-Off-Workshop 2023 in Göttingen. Bestandteil der Veranstaltung war ein Impuls zum aktuellen Forschungsstand bezüglich der Gelingensbedingungen von Teamteaching. Wichtig sei zum Beispiel, dass Lehrende ihre Aktivitäten im Rahmen des Tandems auf ihr Lehrdeputat angerechnet bekommen und dass Reisekosten zu Veranstaltungen vollständig erstattet werden. Zentral sei außerdem ein gemeinsames Ziel und gute Kommunikation im Team: „Es ist wichtig, frühzeitig gemeinsame Ziele zu definieren und individuelle Erwartungen zu klären – das gilt auch für die Zusammenarbeit.“
Zum Projekt
„GeoTandems“ wurde von 04/2023 bis 09/2024 im Rahmen der Förderlinie „Fokus Netzwerke“ durch unsere Stiftung gefördert. Die gebündelten Ergebnisse sind im Sammelband „Geotandems: Teamteaching in der geographischen Hochschullehre“ aufbereitet oder können in einem Beitrag im Journal of Geography in Higher Education nachgelesen werden.
Auch Prof. Dr. Angela Hof (Universität Salzburg) und Prof. Dr. Anne-Kathrin Lindau (Universität Halle) kennen sich schon lange durch den Arbeitskreis „Hochschullehre Geographie“. Sie haben das Seminar „Cooling Cities = Greening Cities“ in Präsenz und mit Online-Blockterminen durchgeführt, um Hofs fachwissenschaftliche Expertise in der Stadt- und Landschaftsökologie mit Lindaus Expertise in der Geographiedidaktik und Bildung für nachhaltige Entwicklung zu verknüpfen.
Um die standortübergreifende Bindung zu stärken, arbeiteten die Studierenden aus beiden Städten in Mini-Tandems zusammen und bearbeiteten Themen wie Klimawandel in den Medien oder Klimawandel und Klimaeffekte in Städten, jeweils im Vergleich von Salzburg und Halle. Aufgebaut war das Seminar so, dass die Studierenden im ersten Teil fachlichen Input am jeweiligen Standort in Präsenz und in gemeinsamen Onlineseminaren durch die Lehrenden erhielten und später an ihren eigenen Tandem-Projekten standortübergreifend arbeiteten.
Thematisch hatten beide Lehrenden eine klare fachliche Aufgabenteilung, für die Betreuung der Studierenden waren beide zusammen zuständig. Ein wichtiger Bestandteil war dabei der Besuch der jeweils anderen Institution in Halle und Salzburg: „So konnten wir die einzelnen Studienprojekte eng zusammen betreuen. Das war uns wichtig, um als Lehrendentandem im Team zu agieren“, sagt Lindau. „Beim Seminarbesuch vor Ort hatte die andere Hochschullehrerin dann eine Art ‚externen Expertinnenstatus‘ und konnte den Studierenden zu ihren Projekten Feedback und Hilfestellung geben“, sagt Hof. So konnten beide jeweils zum Beispiel Literaturhinweise zu Stadt- und Klimafragen teilen oder schnell eine Auskunft zu lokalen Ansprechpartner:innen geben.
Zur Person
Assoz.-Prof. Dr. Angela Hof
Angela Hof ist Assoziierte Professorin in der Physischen Geographie mit dem Schwerpunkt Stadt- und Landschaftsökologie an der Universität Salzburg.
Zur Person
Prof. Dr. Anne-Kathrin Lindau
Anne-Kathrin Lindau ist Professorin für Didaktik der Geographie an der Universität Halle.
„Ein zentrales Element war, dass die Studierenden Open Educational Resources, also freie Bildungsmaterialien, zu ihrem Projekt erstellt haben. Durch das Tandem und Anne-Kathrin Lindaus Perspektive als Didaktikerin habe auch ich hier nochmal viel für meine eigene Lehre mitgenommen”, sagt Hof. „Die Expertise von Angela Hof zu Salzburg sowie zu aktuellen Aspekten des Stadtklimas und Stadtgrüns empfand ich sehr bereichernd. Weiterhin war es schön zu sehen, wie die Studierenden in ihren Miniprojekten länderübergreifend zusammenarbeiteten; dadurch konnte ich auch für weitere fachwissenschaftlich-fachdidaktische Lehrprojekte Erfahrungen sammeln“, ergänzt Lindau.
„Das GeoTandem war ein Freiraum für Lehrende und Studierende, der hands-on auch für das spätere Berufsleben elementare Fähigkeiten vermittelt.“
Wer Teamteaching ausprobieren möchte, sollte mit einer realistischen Vorstellung starten. Zeit spare das Format nämlich nicht, im Gegenteil: „Die Absprachen vor und während des Tandems kosten viel Zeit“, sagt Lindau. Durch die fachliche Verknüpfung ergeben sich aber neue Möglichkeiten im Gegensatz zur Lehre im Einzelkämpfer:innentum: „Im klassischen Lehralltag gibt es diesen explorativen Projektcharakter nicht. Das GeoTandem war ein Freiraum für Lehrende und Studierende, der hands-on auch für das spätere Berufsleben elementare Fähigkeiten wie Projektmanagement vermittelt.“
Diese Freiheit sei aber auch mit Herausforderungen für die Studierenden verbunden: „Einerseits wünschen sich viele Studierenden offene und innovative Lehrformen. Andererseits wollen sie aber auch viele Anweisungen und beklagen dann zum Beispiel den zeitlichen Aufwand für organisatorische Absprachen. Diese Diskrepanz muss man als Lehrperson aushalten“, sagt Hof. „Mir hat diese Teamteaching-Erfahrung auch für künftige Lehrprojekte mehr Gelassenheit gegeben. Diese Momente der Irritation und Frustration der Studierenden sind ein ganz normaler Teil einer Projekt- und Lernphase. Das hat mir diese bilaterale Zusammenarbeit erneut bestätigt“, sagt Lindau.
Das Feedback der Teilnehmenden sei insgesamt sehr positiv. Als Verbesserungsvorschlag wurde der Wunsch nach einem gemeinsamen Kick-Off in Präsenz genannt: „Die Studierenden haben sich für ein künftiges Seminar ein Kennenlernen vor Ort im Rahmen eines Blockseminars gewünscht. Die reine Onlinezusammenarbeit fanden sie stellenweise manchmal schwierig. Insgesamt hat aber auch die Präsenz im Seminar gezeigt, wie engagiert die Studierenden waren“, sagt Lindau.
Auch Mossig, der das Projekt der GeoTandems initiiert hat, rät Lehrenden, die das Konzept des Teamteachings adaptieren möchten: „Macht den ersten Kontakt nicht digital. Für ein gemeinsames Seminar muss man in Kauf nehmen, dass mindestens ein Part reist. Das kostet Geld und bedeutet mehr Aufwand, ist aber wichtig für die Bindung des Tandems.“ Außerdem empfiehlt der Lehr-Experte, im eigenen Fach zu bleiben, um die Lehre innerhalb der eigenen Fachkultur voranzubringen und geteilte inhaltliche und methodische Herausforderungen zu bewältigen.
Zu viele Tandems sollten es nicht sein, damit die persönliche Ebene erhalten bleibt: „Beim Auftakt- und Abschlussworkshop waren wir etwa 20 Teilnehmende. Die sechs GeoTandems wurden schnell zu einer kleinen, verschworenen Gemeinschaft. Sie werden sich auch nach Projektabschluss noch öfter in der Lehre begegnen“, sagt Mossig.
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