Lehre räumlich denken
Ein Beitrag von Raika Selle
Deckenmikrofone, Whiteboardkameras, mobile Klapptische und Drehstühle – das und mehr erwartet Besucher:innen der vier Modellräume an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW). Das Projektteam des „Curriculum Innovation Hub“ hat sie entwickelt. Hier kommen Studierende und Lehrende zusammen, um in Seminaren Lerninhalte zu diskutieren, Projekte zu bearbeiten, für Prüfungen zu lernen oder Hausarbeiten zu schreiben. Das Ziel: Lehre und Lernen sollen flexibler, studierendenzentrierter und zukunftsfähiger werden. Die Modellräume sind mit Technik und Mobiliar für hybride Lehr- und Lernsettings ausgestattet. „Es ging uns nicht darum, einfach nur kreativ zu werden und attraktivere Seminarräume zu gestalten“, sagt Prof. Dr. Katja Ninnemann, Leiterin des Teilprojekts „Innovatives Lernraumdesign“. „Vielmehr wollten wir bereits erprobte Modelle nutzen und auf der bestehenden Forschung aufbauen.“ Richtungsweisend dafür waren die Konzepte der Flexible und Active Learning Environments, zwei Raumtypen mit verschiedenen Konfigurationen und Ausstattungsmodalitäten.
Zwei Modelle, vier Räume
Die ersten zwei Modellräume, die nach dem Vorbild der Flexible Learning Environments konzipiert wurden, zeichnen sich vor allem durch ihre mobile Einrichtung aus: Tische und Stühle auf Rollen ermöglichen eine jederzeit veränderbare Raumkonfiguration und erleichtern so die Interaktion zwischen Studierenden und Lehrenden. Die beiden Active Learning Classrooms fallen durch die besondere Anordnung von Gruppenarbeitstischen auf. Diese sind mit Monitoren ausgestattet, sodass die Studierenden jederzeit Informationen visualisieren und im Plenum teilen können.
Alle vier Räume funktionieren nach dem Prinzip „Bring your own device“: Die Nutzer:innen bringen ihre eigenen Laptops, Tablets oder Smartphones mit und verbinden sie per USB-C-Kabel mit der Raumtechnik. Die universelle Nutzbarkeit sicherzustellen, erwies sich dabei als große Herausforderung. „Der technische Aufwand hat uns überrascht, das war definitiv ein Experimentierfeld“, so Ninnemann. „Wir haben an der Hochschule circa 15.000 Studierende und 300 Professor:innen – und alle haben verschiedene Geräte, die unterschiedlich alt sind.“
Im Laufe der Umsetzung habe man deshalb umdenken müssen. „Wir mussten die Technik Schritt für Schritt reduzieren“, berichtet Ninnemann. „Keine Systeme, die ständig Updates brauchen, sondern einfach Monitore, Kabel dran und fertig.“ Trotz der kostspieligen Ausstattung stehen die Räume immer offen und können von allen Hochschulangehörigen gebucht werden. „Das ist Teil unserer Policy – und wir sind stolz darauf, dass das so gut funktioniert“, sagt Ninnemann.
Zur Person
Prof. Dr. Katja Ninnemann
Katja Ninnemann ist Professorin für Digitalisierung und Workspace Management an der Berliner Hochschule für Technik und Wirtschaft.
„Einiges durcheinandergewirbelt“
Neben der technischen Ausstattung waren auch organisatorische Hürden zu bewältigen. Noch während der Corona-Pandemie hatte das Team mit mangelnder Verfügbarkeit und langen Lieferzeiten technischer Komponenten zu kämpfen. Gleichzeitig mussten verwaltungsseitige Vorgaben berücksichtigt werden, etwa die Zahl an Lernarbeitsplätzen und die Abstimmung des Baus auf den Lehrbetrieb. „Das hat schon einiges durcheinandergewirbelt“, erzählt Ninnemann.
Als die ersten beiden Räume schließlich fertiggestellt waren, fielen die Reaktionen zunächst gemischt aus. „Man könnte erstmal denken, dass alle ‚Juhu‘ schreien bei der Aussicht auf neue Räumlichkeiten. Aber so war es nicht – schließlich geht so ein Projekt immer auch mit Veränderungen einher.“ Einige Kolleg:innen seien erst einmal skeptisch gewesen und blieben lieber bei den gewohnten Räumlichkeiten. Die Unsicherheiten hätten sich unter anderem um die Organisation der Raumbuchung sowie um die Auswirkungen auf bewährte Lehrformate gedreht.
„Wir wollten Lehrenden einen Safe Space bieten, um sich auszuprobieren und Ängste abzubauen.“
„Es war ein sehr ruckeliges Semester mit den ersten beiden Räumen“, sagt Ninnemann. „In der zweiten Runde waren wir vorbereitet und haben mit dem Lehrenden-Service-Center Workshops, Führungen und Sprechstunden angeboten sowie ein Konzept zur Kommunikation im Raum mit Studierenden erstellt, Videos gedreht und ein digitales Handbuch für Nutzer:innen entwickelt. Wir wollten Lehrenden einen Safe Space bieten, um sich auszuprobieren und Ängste abzubauen.“ Die Studierenden hingegen seien von Anfang an begeistert gewesen und hätten das auch auf die Lehrenden übertragen. „Einige Kolleg:innen sagen mittlerweile, dass sie gar nicht mehr ohne die Räume können.“
Inzwischen sind die vier Modellräume nicht nur gut angenommen, sondern fast durchgängig gebucht – für klassische Lehrveranstaltungen ebenso wie in der vorlesungsfreien Zeit. Das begleitende Monitoring zeigt: Die Nutzung wird heterogener und es sind immer mehr Studiengänge und Fachbereiche vertreten. Besonders stolz sind Ninnemann und ihr Team darauf, dass die Räume auch im Neuberufenen-Programm Platz finden und für Lehrproben genutzt werden – eine gute Gelegenheit, neue Kolleg:innen frühzeitig für innovative Lehrformate zu gewinnen.
Zum Projekt
Das von uns geförderte Projekt „Curriculum Innovation Hub“ zielte darauf ab, digitale und blended Curricula an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin weiterzuentwickeln und eine nachhaltige Integration innovativer Lehr- und Lernformen zu schaffen. Dafür wurden verlässliche Rahmenbedingungen, innovative didaktische Konzepte und neue Lernraumgestaltungen erarbeitet, um die Kombination von Präsenz- und digitaler Lehre als neue Normalität zu etablieren.
Um Kolleginnen und Kollegen an der HTW Berlin wie auch an anderen Hochschulen bei der Modellierung, Implementierung und Evaluierung von innovativen und nachhaltigen Lernumgebungen zu unterstützen, wurden zentrale Erkenntnisse in dem Workbook „Learning Space Experiences: Real-labore zur Transformation des Lernraums Hochschule“ dokumentiert, welches als Open-Access-Publikation online verfügbar ist.
„Raum als Hebel“
Doch warum braucht es solche Räume überhaupt? Für Ninnemann spiegeln sie ein neues Selbstverständnis zeitgemäßer Lehre wider. „Wir sprechen schon seit 20 Jahren vom ‚Shift from teaching to learning‘. Und wir wissen aus der Lehr-Lern-Forschung, dass die räumlichen Bedingungen Einfluss auf den Studierendenerfolg, die Zufriedenheit und den langfristigen Wissensaufbau haben. Man hat damit einfach einen sehr wirksamen Hebel.“ Die vier Modellräume bieten Lehrenden und Studierenden die Möglichkeit, neue Lehr- und Lernformen zu erproben – interaktiver und prozessorientierter. Sie laden dazu ein, die eigene Lehrpraxis kritisch zu hinterfragen und neu zu denken.
Gleichzeitig greift das Projekt den Diskurs um das Thema Student Experience auf: „Die Studierendenschaft wird immer diverser, mit unterschiedlichen Lebenskontexten, Erfahrungen und Herausforderungen. Das muss sich auch in den Räumen abbilden“, erklärt Ninnemann.
„Die Studierenden-schaft wird immer diverser, mit unterschiedlichen Lebenskontexten, Erfahrungen und Herausforderungen. Das muss sich auch in den Räumen abbilden.“
Die Flexibilität der Modellräume ermöglicht eine studierendenzentrierte Lehre, die besser auf unterschiedliche Lernbedürfnisse eingeht – eine Entwicklung, die seit dem Einzug Künstlicher Intelligenzen noch verstärkt an Bedeutung gewinnt. „Da geht es immer mehr um persönliche Interaktion und Lernprozessbegleitung. Und das kann ich nicht leisten, wenn die Studierenden wie Nummern in der Reihe sitzen.“
Aufholbedarf an deutschen Hochschulen
Ein weiterer Antrieb des Projekts: Deutschland hinke im internationalen Vergleich hinterher, wenn es um innovatives Lernraumdesign geht. Ninnemann, die zu dem Thema bereits an der University of Melbourne geforscht hat, sieht großen Aufholbedarf. „In anderen Ländern sind diese Räume längst Standard im Seminarraumangebot.“ Good Practice-Beispiele und Vorreiterprojekte gibt es also genügend. „Deshalb war es für mich gar keine Frage, ob wir mit den Räumen erfolgreich sind“, so Ninnemann. „Das hat sich bereits in zahlreichen Ländern bewährt. Warum sollte es bei uns anders sein?“ Sie hofft nun auf Nachahmung: „Es muss ja nicht bei den vier Räumen bei uns an der Hochschule bleiben.“
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Zur Autorin
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.