Lehren ohne Barrieren
Ein Beitrag von Marie Hecht
Langsam scrollt die Maus nach unten. Auf dem Bildschirm erscheinen digitale Lernmaterialien in einem Moodle-Kurs. Der Text wirkt zunächst ruhig und vertraut, bis sich plötzlich das Bild eines Hamburgers über ihn schiebt, ein schrilles Fiepen aus den Lautsprechern dringt oder sich Buchstaben unaufhörlich vertauschen. Was hier zunächst verunsichert, ist beabsichtigt: Ein Feature im Digital Accessibility Checking and Simulation (DACHS)-Portal der Universität Bielefeld simuliert Barrieren, die in der digitalen Lehre auftreten können.
„Wir wollen Aha-Effekte bewirken und die theoretische Vorstellung von Barrieren um den praktischen Ausschnitt einer individuellen Erfahrung ergänzen“
Seien es Sehbehinderungen, Legasthenie, eine Hörbeeinträchtigung durch Tinnitus oder ADHS: Im Simulationsbereich des DACHS-Portals können Lehrende sich punktuell in die Perspektive von Studierenden mit Beeinträchtigung, psychischer oder chronischer Erkrankung hineinversetzen. Das Projekt betont, dass die Simulationen nur ausgewählte Barrieren demonstrieren und keinen Anspruch auf eine vollumfängliche Darstellung der Lebensrealität von Betroffenen geben kann. Das Ziel: „Wir wollen Aha-Effekte erreichen und die theoretische Vorstellung von Barrieren um den praktischen Ausschnitt einer individuellen Erfahrung ergänzen“, betont Michael Johannfunke, DACHS-Projektleiter und Koordinator der Zentralen Anlaufstelle Barrierefrei (ZAB) an der Universität Bielefeld. Die Simulationen machten deshalb als kleiner Ausschnitt von Lebensrealitäten betroffener Studierender erfahrbar, wie sich digitale Hürden konkret anfühlen und warum sie den Lernprozess massiv beeinträchtigen können. Und das ist Teil eines umfassenderen Ansatzes: digitale Barrierefreiheit niederschwellig zugänglich und zu einem Qualitätsmerkmal für Hochschullehre zu machen.
Barrierefreiheit trotz knapper Zeitressourcen
Das DACHS-Portal ist aus einer einfachen Frage heraus entstanden: „Wir haben überlegt, was die Lehrenden brauchen, um ihre Lehre barrierefrei gestalten zu können“, sagt Muriel Pundsack. Sie ist Projektmitarbeiterin bei DACHS und für die inhaltliche Ausgestaltung des Portals zuständig. Es stellte sich heraus: „Viele haben den Anspruch, Lehre barrierefrei zu gestalten, aber Angst vor einem großen Aufwand in der Umsetzung“, erzählt Pundsack. An den Hochschulen seien die zeitlichen Ressourcen knapp und so komme bei Lehrenden schnell die Angst auf, sich in ein komplexes Thema umfassend einarbeiten zu müssen. Mit dem DACHS-Portal hat das Team versucht, diese Hürden zu minimieren.
Das Portal ist in vier Bereiche unterteilt, die unabhängig voneinander ausgekundschaftet werden können: Sensibilisieren, Simulieren, Anleiten und Testen. Mit dem Anliegen, so Pundsack, „ein umfassendes Angebot“ bereitzustellen, das Lehrende Schritt für Schritt unterstützt ihre Lehre barrierefreier zu gestalten. Das Neue daran: Die Simulation lässt sich auf eigene Lehrmaterialien anwenden. Lehrende können ihre Moodle- oder LMS-Kurse direkt in das Portal hochladen und auf Barrierefreiheit prüfen, um sie dann anzupassen.
Zum Projekt
Das Projekt DACHS (Digital Accessibility Checking and Simulation) hat daran gearbeitet, Barrierefreiheit nachhaltig als festen Bestandteil digitaler Hochschullehre zu verankern. Im Mittelpunkt stand die Sensibilisierung von Lehrenden sowie die praxisnahe Vermittlung von Kompetenzen, um Lehr- und Lernangebote inklusiv zu gestalten. Das Projekt hat ein interaktives Portal entwickelt, das Lehrenden ermöglicht, die Perspektive von Studierenden mit Beeinträchtigungen einzunehmen. Ergänzend bietet das Portal leicht zugängliche Anleitungen, Comics mit Erfahrungsberichten von Betroffenen und weitreichende Informationen zum Thema digitale Barrierefreiheit. Gamification-Elemente und persönliche Scoreboards für Nutzenden über-greifenden Wettbewerb unterstützen zusätzlich dabei, Barrierefreiheit praxisnah umzusetzen und langfristig in der Lehre zu etablieren.
Barrierefreiheit als selbstverständlicher Anspruch an die eigene Lehre
„Wenn man den Studierenden offen gegenübertritt und sich ansprechbar macht, ist das die halbe Miete.“
„In einer Lehrveranstaltung hat bei uns an der Universität Bielefeld potenziell jede vierte Person eine Beeinträchtigung“, betont Pundsack. Das mache deutlich: Es geht nicht um Einzelfälle, sondern um einen relevanten Teil der Studierenden. Deshalb lohne es sich, Barrierefreiheit auch strategisch als persönliche Challenge zu denken: Wie inklusiv kann meine Lehre werden? Wer so denkt, verbessere nicht nur einzelne Materialien, sondern die gesamte Lernumgebung. Denn Barrierefreiheit fange bereits bei der Haltung an. „Studierende mit Beeinträchtigungen, chronischen oder psychischen Erkrankungen wissen oft sehr genau, was sie brauchen“, berichtet DACHS-Projektleiter Johannfunke aus Erfahrung. „Wenn man den Studierenden offen gegenübertritt und sich ansprechbar macht, ist das schon mal die halbe Miete“, sagt er.
Zur Person
Michael Johannfunke
Michael Johannfunke ist Koordinator der Zentralen Anlaufstelle Barrierefrei (ZAB) der Universität Bielefeld und Projektleiter von Digital Accessibility Checking and Simulation (DACHS).
Zur Person
Ayten Tüfekci
Ayten Tüfekci ist Projektmitarbeiterin von Digital Accessibility Checking and Simulation (DACHS) und hauptverantwortlich für die technische Umsetzung des interaktiven Portals.
Zur Person
Muriel Pundsack
Muriel Pundsack ist als Projektmitarbeiterin von Digital Accessibility Checking and Simulation (DACHS) für die inhaltliche Ausgestaltung des Portals zuständig.
Wirkung über Bielefeld hinaus
Dem DACHS-Team war es wichtig, die Nutzung des Portals auf der einen Seite langfristig zu sichern, und auf der anderen Seite die Übertragung an andere Hochschulen möglich zu machen. Die DACHS-Portalbereiche „Sensibilisieren, Simulieren, Anleiten“ sind schon jetzt hochschulübergreifend für alle Interessierten nutzbar. Den Testbereich für die eigenen Lehrmaterialien können derzeit alle Lehrenden an der Universität Bielefeld nutzen. Um die langfristige Betreuung kümmert sich die Zentrale Anlaufstelle Barrierefrei (ZAB).
„Das DACHS-Portal kann sehr schnell an anderen Hochschulen integriert werden.“
Zusätzlich könnten andere Hochschulen anhand der Bielefelder Vorlage das Portal für sich einrichten. Dafür steht der Quellcode als Open-Source zur Verfügung: „Das DACHS-Portal kann sehr schnell integriert werden. Die Hochschulen müssen nur einmal technisches Personal bereitstellen, um das Portal für sich aufzusetzen“, erklärt die Hauptverantwortliche für den technischen Teil des DACHS–Portals, Ayten Tüfekci. Bei Interesse und Fragen könne man sich jederzeit an den Bielefelder Support wenden.
Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal guter Lehre
Barrierefreiheit ist in den Hochschulen bereits seit 2018 EU-weit gesetzlich verpflichtend. Trotzdem gelte sie in der Hochschullehre oft noch als Zusatzaufgabe, macht Johannfunke deutlich und erklärt: „Barrierefreiheit kann für alle ein Vorteil sein.“ Maßnahmen, die Inhalte zugänglicher machen, etwa klare Strukturen oder bessere Lesbarkeit, reduzieren am Ende die kognitive Belastung für alle Studierenden, so der Projektleiter. Das DACHS-Team hat deshalb bewusst auch alltägliche Störfaktoren wie Lärm oder Blendlicht in die Simulationen aufgenommen. Die Effekte seien oft unmittelbar spürbar: Viele Lehrende stellten nach Anpassungen fest, dass sie ihre eigenen Materialien plötzlich selbst besser lesen können.
Mehr zu Barrierefreiheit in der Lehre
Das Verbundprojekt „SHUFFLE“ wurde von 2021 bis Ende 2025 im Rahmen unserer Förderung „Hochschullehre durch Digitalisierung stärken“ umgesetzt. Beteiligt waren die Hochschule der Medien Stuttgart, die Pädagogischen Hochschulen Heidelberg und Freiburg sowie die Universität Bielefeld. Ziel des Projekts war es, digitale Barrierefreiheit an deutschen Hochschulen systematisch zu verbessern und damit eine chancengerechte Teilhabe für alle Studierenden zu ermöglichen. Aus dem Projekt heraus entstand unter anderem die Plattform „Barrierefreies Blind-Date“ , die für Hürden unterschiedlicher Beeinträchtigungen im Studienalltag sensibilisiert. Ein zentraler Hebel für barrierefreie Lehre sind außerdem gut gestaltete digitale Angebote. Hier finden Sie 9 Tipps, wie diese barrierefrei werden können.
Zur Autorin
Marie Hecht
Marie Hecht ist Kommunikationsmanagerin in der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.