Lehren mit Wikipedia
Ein Beitrag von Marie Hecht
Vor 25 Jahren ging die Wikipedia online. Heute enthält allein die deutschsprachige Wikipedia über drei Millionen Einträge. Möglich wird das durch ihr Open-Source-Prinzip: Rund 250.000 Ehrenamtliche weltweit schreiben, diskutieren und überarbeiten die Inhalte stetig. „Die Wikipedia ist ein Projekt, von dem man eigentlich annehmen müsste, dass es nicht funktionieren kann und doch tut es das“, sagt Prof. Dr. Peter Riegler. Er ist Professor für Angewandte Wissenschaften an der Fakultät Informatik der Ostfalia Hochschule in Wolfenbüttel. Die Wikipedia ist für ihn ein Reallabor für zentrale Elemente der Demokratie und somit ein interessantes Werkzeug für die Hochschullehre.
Neue Lehransätze für eine reflektierte Wissensnutzung
Bislang gab es allerdings zum Thema Lehre dort viel zu wenige Informationen. Engagierte Hochschullehrende arbeiten in einem Projekt in unserem Auftrag daran, das zu ändern. Sie haben inzwischen ein thematisch strukturiertes Wikipedia-Portal zur Hochschullehre aufgebaut, das zahlreiche Artikel enthält und so einen umfassenden Überblick ermöglicht.
„Ein Wiki aufzusetzen ist vor allem eine soziale Herausforderung.“
Peter Riegler war als damaliger Leiter des Bayerischen Zentrums für Innovative Lehre (BayZiel), welches das Projekt koordiniert, von Anfang an dabei. Bei den Schulungen und Schreibretreats lernte der Informatikprofessor die Online-Enzyklopädie und ihr Sozialgefüge zu schätzen: „In der Wikipedia ist der Umgangston bisweilen durchaus toxisch. Aber auch wenn die Menschen dort verbal mal über die Stränge schlagen, sind sie bereit, die Dinge auszudiskutieren.“ Das will Riegler auch an seine Studierenden weitergeben. Denn im Zeitalter von KI reiche es nicht, Informationen nur zu konsumieren. Studierende müssten lernen, sie zu hinterfragen und aktiv mitzugestalten, sagt er. Deshalb integrierte Riegler die Wikipedia im vergangenen Semester zum ersten Mal in seine Lehrveranstaltung und stellte fest, dass sie als zentraler Lernort noch mehr Potenzial bietet, als er ursprünglich angenommen hatte.
Hochschullehre im KI-Zeitalter
Im Wahlpflichtfach „Wikipedia, Wikis, Wissensmanagement“ sollten die Studierenden von passiven Nutzenden der Wikipedia zu aktiven Gestaltenden werden. Sie lernten zuerst das Wikipedia-Backend kennen, um dann als Prüfungsleistung selbst einen neuen Wikipedia-Artikel zu verfassen oder einen bereits bestehenden zu überarbeiten und die Änderungen mit der Wikipedia-Autor:innen-Gemeinschaft zu diskutieren. Bei den Recherchen tat sich dann unerwartet eine immense Lücke im Curriculum auf: „Für mich war es ein überraschendes Erlebnis, als jemand im Kurs gefragt hat: Herr Riegler, können Sie uns mal zeigen, wie Sie recherchieren?“, erzählt der Professor.
Zur Person
Prof. Dr. Peter Riegler
Prof. Dr. Peter Riegler ist Professor an der Fakultät Informatik der Ostfalia Hochschule.
Bis 2025 war er Leiter des Bayerischen Zentrums für Innovative Lehre und hat das Wiki-Projekt Hochschullehre begründet.
Was ist wirklich neutral, was ist relevant und was nicht? Welche Literatur ist hochwertig und welche nicht? Das waren wichtige Fragen, die die rund vierzig Studierenden im Kurs zuerst klären mussten, erinnert sich Jonas Morschek. Er studiert an der Ostfalia Hochschule Informatik und hat Prof. Dr. Peter Riegler als wissenschaftliche Hilfskraft bei der Umsetzung der Wikipedia-Lehrveranstaltung unterstützt. „Viele wissen immer weniger, wie sie mit Suchmaschinen umgehen. Die KI nimmt den Menschen heute sehr viel ab“, stellt er fest. Kurzerhand entschied Riegler das Thema Quellenkompetenz zum zentralen Fokus des Kurses zu machen. Diese wird nicht nur spätestens mit der Bachelorarbeit für die Studierenden unverzichtbar, sie nimmt auch im Zeitalter von KI einen neuen Stellenwert ein. Denn für KI-Sprachmodelle, wie ChatGPT oder Google Gemini, gehört die Wikipedia zu den wichtigsten öffentlich verfügbaren Datenquellen.
„In kürzester Zeit übernahm die Google KI unsere Änderungen aus der Wikipedia“
„Die Large Language Models (LLMs) nutzen die Wikipedia als Trainingsdatensatz“, erklärt Riegler. Die großen Tech-Firmen bedienen sich an den Inhalten der Open-Source-Enzyklopädie. Offen bleibe dabei, wie genau die LLMs mit den Daten eine Antwort generieren. Die Auswirkungen zeigten sich den Studierenden im Wikipedia-Kurs schneller als erwartet: „Innerhalb kürzester Zeit, ungefähr zehn Minuten nachdem wir einen Artikel veröffentlicht haben, hat die Google KI das Ergebnis schon an die neuen Aussagen aus der Wikipedia angepasst“, erzählt Morscheck. Das berge auch Gefahren: „Da kann sehr schnell sehr viel passieren.“
Zur Person
Jonas Morscheck
Jonas Morscheck studiert an der Ostfalia Hochschule Informatik im Bachelor.
Er schreibt derzeit seine Abschlussarbeit und hat die Wikipedia-Lehrveranstaltung als wissenschaftliche Hilfskraft unterstützt.
Demokratiebildung durch die Hintertür
Den Studierenden wurde in der Lehrveranstaltung klar, dass die Erfolgsfaktoren von Wikis im kritischen Austausch mit der Community liegen: „Die technischen Aspekte sind für unsere Informatikstudierenden natürlich Pillepalle, aber ein Wiki aufzusetzen ist vor allem eine soziale Herausforderung“, berichtet Informatikprofessor Riegler. Trotz des manchmal harschen Umgangstons: Riegler wollte vermitteln, dass man mit guten Argumenten überzeugen und vorankommen kann. „Das war eine Möglichkeit, Demokratie praktisch zu erleben, ohne einen dedizierten Kurs anbieten zu müssen, der Studierende in technischen Disziplinen möglicherweise eher abschrecken würde.“
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Mehr InformationenZentraler Lernraum in der Hochschullehre
Für Riegler war die Wikipedia-Lehrveranstaltung ein wichtiges Experiment. Zwei der Artikel schafften es sogar auf die Wikipedia Startseite: „Die Klickzahlen sind gigantisch“, erzählt der Professor stolz. Für Student Morscheck war der Wikipedia-Kurs eine ganz besondere Erfahrung: „Wir haben wirklich an einem real existierenden Produkt mitgewirkt, das jetzt nicht in einer Schublade verrottet oder auf einem Datenträger in einer Ecke landet, sondern die deutsche Wikipedia nachhaltig besser macht,“ fasst er seine Lernerfahrung zusammen.
Das Format spricht sich rum: Im letzten Semester haben Lehrende an mehreren deutschen Hochschulen Wikipedia in ihre Lehrveranstaltungen integriert. Riegler hätte sich zwar für die Umsetzung der Lehrveranstaltung mehr Personal gewünscht, trotzdem möchte auch er im kommenden Sommer gleich ein Folgeseminar anbieten. Bis dahin wird er, gemeinsam mit Morscheck, ein paar freie Wikipedia-Schreibretreats an der Ostfalia Hochschule anbieten und so für einen nachhaltigen Lernerfolg sorgen: „Ich bin mir ziemlich sicher, dass einige aus dem Kurs der Wikipedia treu bleiben werden.“
Zum Projekt
Im Auftrag der StIL produzieren und überarbeiten Gestalter:innen von Hochschullehre, koordiniert durch das Bayerische Zentrum für Innovative Lehre („BayZiel“), seit Herbst 2022 relevante Inhalte zur Hochschullehre und bündeln sie in einem Themenportal auf Wikipedia. Im Rahmen dessen werden nicht nur das Portal und die Hochschulcommunity weiter ausgebaut, sondern auch Möglichkeiten des Einsatzes von Wikipedia in der Lehre betrachtet. Unterstützt wird das Projekt von der „Wiki Education Foundation“. Das Projekt läuft noch bis Herbst 2026.
Zur Autorin
Marie Hecht
Marie Hecht ist Kommunikationsmanagerin in der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.