Vom Lehrprojekt zum Start-up
Ein Beitrag von Raika Selle
Gesprächsführung ist eine wichtige Fähigkeit in vielen Berufs- und Tätigkeitsfeldern – ob im Verkaufs-, Anamnese- oder Mitarbeitendengespräch. In der akademischen Ausbildung hingegen wird sie oft nur am Rande gelehrt. Das habe vor allem kapazitäre Gründe, sagt Sozialwissenschaftler Markus Rossa, der sich im Rahmen des von uns geförderten Projekts „SPEND“ an der Hochschule Ravensburg-Weingarten mit diesem Thema beschäftigt hat. „An vielen Hochschulen gibt es mehrere Hundert Studierende pro Semester, aber selten ausreichend Übungsmöglichkeiten und Dozierende, um die Gespräche zu betreuen und auszuwerten. Wir haben uns gefragt: Wie können wir es allen Studierenden ermöglichen, Gesprächsführung kontinuierlich zu trainieren?“ Mit „TalkTrain“ haben er und sein Team eine Antwort gefunden.
„TalkTrain“ ist ein Rollenspiel 2.0 mit KI-basierten Avataren, ein Simulator für realitätsnahe Gesprächssituationen, den das gleichnamige Start-up seinen Kund:innen zur Verfügung stellt. Die Idee sei im Rahmen des „SPEND“-Projektes entstanden, wurde weiterentwickelt – und ist letztendlich darüber hinausgewachsen. „Jetzt, etwa eineinhalb Jahre nach Ende des Projekts, haben wir ein fertiges Produkt, eine gegründete Firma“, sagt Rossa.
Mit Avataren für den Ernstfall üben
Wer „TalkTrain“ nutzen möchte, wählt zunächst ein passendes Übungsszenario aus den Vorlagen oder individualisierten Fallumgebungen aus, beispielsweise ein echtes Foto als virtuelle Tapete oder 3D-Büroräumlichkeiten. In den virtuellen Räumen begegnen die Nutzer:innen unterschiedlichen Avataren, mit denen sie in einen KI-basierten Dialog gehen können, zum Beispiel Hotelgast Heike oder Personalerin Susanne. Diese erinnern in ihrer Gestaltung an Figuren aus Computer- oder Videospielen. Langfristig ist eine Weiterentwicklung der Avatare geplant, vor allem hinsichtlich Gestik, Mimik und Bewegungsgenauigkeit, um noch mehr Authentizität darzustellen.
Um auf ein breites Spektrum an Szenarien vorbereitet zu sein, kann man die bislang 24 verfügbaren Avatare mithilfe von Rollenprompts mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften ausstatten. Da gibt es zum Beispiel Frau Schmidt, die durch ihre renitente und gereizte Art auffällt. „Sie hat den Auftrag, die Studierenden ein wenig herauszufordern und ins Schwitzen zu bringen“, sagt Rossa. „Sowas kann ja im echten Leben auch passieren und da muss man lernen, die Ruhe zu bewahren.“
Ruhe bewahren und Deeskalieren hat auch ein Kunde aus der freien Wirtschaft zum Lernziel. Hier werden deeskalierende Gesprächsführungsmethoden mit sehr aggressiven Gesprächspartner:innen eingeübt. Bereits nach den ersten Testgesprächen gab es dabei besonders erfreuliches Feedback für die Gründer. Denn laut den Mitarbeitenden des Kunden schaffe „TalkTrain“ eine starke emotionale Involvierung mit hohem Aufforderungscharakter, was wiederum die Wirksamkeit erhöhe. „Genau für diesen Use Case haben wir ‚TalkTrain‘ entwickelt. Deshalb macht so ein Feedback schon sehr stolz“, sagt Rossa.
Die regelmäßige Wiederholung solcher Gesprächssimulationen helfe Studierenden und Mitarbeitenden, sich auf ihre (zukünftige) Berufsrealität vorzubereiten, in der es oft stressig zugehe. „In der Praxis ist es normal, sich im Minutentakt immer wieder auf neue Menschen und Bedürfnisse einzustellen. Das erfordert große Empathie und Kommunikationskompetenz“, so Rossa. Einige Nutzer:innen hätten bereits nach wenigen Simulationen berichtet, sich sicherer zu fühlen und methodisch versierter vorzugehen.
Zum Projekt
Das Projekt „SPEND“ hatte sich zum Ziel gesetzt, die digitalen Bildungsangebote an der Hochschule Ravensburg-Weingarten (RWU) auszubauen. Die Abkürzung „SPEND“ steht für „Social Personalized Embedded New-Degrees“. Dabei handelt es sich um kleine, (teil-)digitalisierte Lehr-Lern-Einheiten, die auf spezifische Kompetenzbereiche abzielen und im Rahmen des Projekts zu einem festen Bestandteil des Studienangebots an der RWU werden sollten. Das Projekt wurde im Rahmen unserer Förderung „Hochschullehre durch Digitalisierung stärken“ gefördert.
Der Weg zur Gründung
Mit der Idee, mithilfe von Avataren Gesprächssituationen zu simulieren, legte das Team von „SPEND“ den Grundstein für die spätere Unternehmensgründung. „Wir haben uns im Rahmen des Projekts langsam herangetastet, erste Räume und Avatare gebaut und angefangen, ihnen Leben einzuhauchen“, berichtet Rossa. Daraufhin habe das Team gemeinsam mit Studierenden und Psychologie-Professorin Anna-Sophia Schwind den Vorläufer als erstes in einer Lehrveranstaltung erprobt und zunächst ein Semester lang Gesprächsskripte verfasst, beispielsweise für verschiedene Störungsbilder in psychotherapeutischen Behandlungsszenarien. „Wir haben komplett aufgeschrieben, wie so ein Gespräch ablaufen soll, und die Texte dann einsprechen lassen. Das war viel intensive Arbeit mit mehreren Schleifen, um sicherzustellen, dass man sie auch wirklich in der Lehre einsetzen kann“, erzählt Rossa. Inzwischen werden die Antworten in „TalkTrain“ automatisch mit Künstlicher Intelligenz generiert. Auch der Einsatz von Virtual und Mixed Reality habe zur technischen Weiterentwicklung beigetragen. „Auf diese Weise können die Studierenden den Avataren auch in Lebensgröße begegnen.“
Die ersten Auftraggeber kamen aus der eigenen Hochschule, insbesondere aus dem Maschinenbau und der Elektrotechnik. Mit der Zeit und der technischen Weiterentwicklung erreichten das Team weitere Anfragen aus anderen Fachbereichen. Mittlerweile kann „TalkTrain“ bereits in Medizin, Psychologie, sozialer Arbeit und Lehramt, aber auch in der Informatik und anderen Technik-Fächern sowie bei ausgewählten Kunden aus der Wirtschaft eingesetzt werden. Wenngleich die Kundschaft bisher überwiegend aus dem Hochschulkontext stamme, sei „TalkTrain“ auch für andere Use Cases nutzbar, beispielsweise in Vertrieb, Coaching und HR, beim Üben von Verkaufsgesprächen, Gehaltsverhandlungen und Gewaltfreier Kommunikation. „Wir arbeiten kontinuierlich daran, dass unsere Kunden die Simulationen sehr einfach an ihre Kontexte anpassen können“, sagt Rossa.
Das Ende des Projekts „SPEND“ habe das Team zunächst vor Herausforderungen gestellt. „Wollen wir den ersten Prototypen weiterentwickeln? Was brauchen wir bis zur Marktfähigkeit?“ Eine Gründerförderung der Bundesagentur für Arbeit habe in der Übergangszeit die Weiterarbeit an der Plattform ermöglicht. „Der Einstieg in die Gründung war mühsam und es gab viel Kleinarbeit zu tun“, so Rossa. „Jetzt ist unsere Plattform an einigen Unis und Hochschulen bereits curricular verankert.“
Zur Person
Markus Rossa
Markus Rossa ist CEO und Co-Founder von „TalkTrain“, sowie ehemaliger Leiter des Immersive Learning Labs an der Hochschule Ravensburg-Weingarten (RWU).
„Mit Idealismus rangehen“
Und was braucht es, um aus einem Lehrprojekt heraus erfolgreich zu gründen? Für Rossa und sein Team sind es vor allem die intrinsische Motivation und die Überzeugung von der eigenen Idee. „Wir wissen alle, dass Kommunikation herausfordernd sein kann und das ist auch okay, denn man kann es schwer zu 100 Prozent perfekt machen. Aber im Rahmen der Möglichkeiten immer wieder ein paar Prozent rauszuholen, immer noch ein kleines bisschen besser zu werden, seine kommunikative Selbstwirksamkeit zu stärken, einfach sicherer zu werden, das kann man trainieren – und das ist unser Antrieb.“
Mindestens genauso wichtig seien Durchhaltevermögen und Frustrationstoleranz, um bürokratische Hürden und Rückschläge zu überwinden. „Man muss da schon mit einem gewissen Idealismus rangehen“, sagt Rossa. „Aber ohne die passenden Strukturen und Mittelgeber, die einem den Rahmen geben, so eine Idee überhaupt erst zu erproben, geht es natürlich auch nicht. Das kann, wie in unserem Fall, ein Projekt sein. Manchmal braucht es aber auch einfach nur die richtigen Leute, die bereit sind, sich reinzuhängen, auch wenn es mal unbequem ist.“ Und natürlich helfe es, mit anderen ins Gespräch zu kommen, aktive Netzwerkarbeit zu betreiben und alle Personen dort abzuholen, wo sie gerade stehen.
Der Gründungsprozess selbst hingegen habe überwiegend digital stattgefunden. „Da gibt es mittlerweile tolle Plattformen, die einen für wenig Geld unterstützen“, so Rossa. Seit Dezember 2025 steht „TalkTrain“ nun auf eigenen Füßen – und wird laufend weiterentwickelt. „Im nächsten Schritt werden wir das Angebot für Studierende noch niedrigschwelliger nutzbar machen, sodass sie direkt über einen Link darauf zugreifen und von zuhause aus trainieren können.“ Darüber hinaus stehen Netzwerkarbeit und Marketing auf dem Plan, um „TalkTrain“ bekannter zu machen. „Am Ende gehört natürlich auch immer ein bisschen Glück und gutes Timing dazu. Aber wenn man sich traut, einfach mal auszuprobieren und zu experimentieren, ist das schon mal eine gute Voraussetzung.“
"TalkTrain" auf dem U:FF
Markus Rossa spricht zu diesem Thema auch auf dem University Future Festival. In seinem Training mit dem Titel „Reden üben mit KI: Gesprächstrainings mit webbasierten Avataren ausprobieren – auch in Mixed Reality“ können Teilnehmende KI-gestützte Gesprächstrainings mit webbasierten Avataren trainieren und didaktische Konzepte für Selbststudium, Feedback und Reflexion kennenlernen.
Das Training findet am 24.06. von 14-16 Uhr auf der digitalen Bühne “AI, Technology & Infrastruc-ture“ statt.
Mehr Infos finden Sie auf der Website des U:FF.
Zur Autorin
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.