Studentische Partizipation verankern
Ein Beitrag von Raika Selle
Studentische Partizipation ist ein zentrales Element der Hochschulentwicklung, ihre systematische Verankerung hingegen bleibt oft eine Wunschvorstellung. Diese Beobachtung war Ausgangspunkt für das Team des Projekts „KOMWEID“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. „Als wir uns dem Thema angenommen haben, haben wir festgestellt, dass viele Studierende gar nicht über die Partizipationsmöglichkeiten an ihrer Hochschule Bescheid wissen oder noch keinen Zugang dazu gefunden haben. Das wollten wir ändern“, berichtet Saskia Schrader, wissenschaftliche Mitarbeiterin für studentische Partizipation im „KOMWEID“-Projekt. Dafür wurde zunächst die Zielgruppe selbst befragt: Was verstehen Studierende unter Partizipation? Haben sie überhaupt Interesse daran? Und welche Rahmenbedingungen benötigen sie, um sich einbringen zu können? Die Ergebnisse zeigten: Das Interesse war da, doch es gab Hürden. Am häufigsten nannten die Befragten Zeitmangel beziehungsweise Zeitdruck im Studium sowie das Gefühl, nur wenig bewirken zu können. „Genau hier wollten wir mit der ‚PartiPause‘ ansetzen“, erklärt Schrader.
„Parti“ steht für Partizipation. Hierfür wählte das Team einen niedrigschwelligen Ansatz, der Beteiligung schon weit vor hochschulpolitischem Engagement verortet. „Wir wollten ein Bewusstsein dafür schaffen, dass man sich nicht in ein Amt wählen lassen und große Aufgaben übernehmen muss, um zu partizipieren“, sagt Schrader. „Man kann auch in der eigenen Lehrveranstaltung schon mitentscheiden.“ Gleiches gilt für das Format selbst. Der organisatorische Aufwand sei gering, sodass sich das Konzept unkompliziert und ohne große Investitionen erproben lasse.
Zum Projekt
Das von uns geförderte Projekt „KOMWEID – Kompetenzen weiterentwickeln im digitalen Wandel“ an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg setzte Impulse für die Weiterentwicklung digitaler Kompetenzen bei Studierenden und Lehrenden. Es hatte das Ziel, Lehr-, Lern- und Prüfungsprozesse stärker an individuellen Lernwegen auszurichten und die Hochschulkultur in Richtung Offenheit, Vernetzung und Agilität zu entwickeln. Im Projektverlauf rückte das Thema studentische Partizipation zunehmend in den Fokus und etablierte sich als zentrales Handlungsfeld.
Partizipieren zwischen Vorlesung und Mittagessen
Jede „PartiPause“ folgte einer festen Fragestellung. Einige Themen ergaben sich aus dem Projektkontext, andere wurden aus verschiedenen Hochschulbereichen an das Team herangetragen. Neben einer Befragung zum wissenschaftlichen Schreiben stand unter anderem auch das Thema Nachhaltigkeit im Fokus . „Wir konnten mit unserem Format am hochschulweiten Nachhaltigkeitstag teilnehmen. Dort haben wir die Studierenden gefragt, welche Rolle Nachhaltigkeit für sie in der Lehre spielt und was sie sich von der Hochschule wünschen.“ Um noch mehr Perspektiven einzufangen, initiierte das Team im Rahmen der Orientierungswoche zusätzlich eine digitale „PartiPause“ über den Instagram-Account der HAW, sowie eine „PartiWoche“ im laufenden Semester. Währenddessen besuchten die Projektmitarbeitenden täglich unterschiedliche Standorte der Hochschule, um möglichst viele Studierende zu erreichen und das Format bekannter zu machen.
Neben der Einbettung in bestehende Veranstaltungen seien vor allem der richtige Ort und das passende Timing entscheidend für den Erfolg. „Wir waren mit unserem Stand immer dort, wo sich die Studierenden in den Pausen sowieso aufhalten, zum Beispiel vor der Mensa oder Cafeteria, im Foyer oder am Haupteingang“, berichtet Schrader. Dabei habe sich eine Teamgröße von mindestens zwei Personen bewährt, um bei Bedarf mehrere Studierende parallel empfangen zu können. Auch ein regelmäßiger Turnus sei empfehlenswert für ein Format wie die „PartiPause”, damit es bekannt wird. Weitere Tipps und Materialien teilt das Team im Transferkiosk.
Zur Person
Saskia Schrader
Saskia Schrader ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der HAW Hamburg. Nach Abschluss des Projektes „KOMWEID“ ist sie nun im Projekt „R-AIMS“ an der Fakultät Informatik und Digitale Gesellschaft der HAW Hamburg angestellt.
Mehrwert transparent machen
Für die Befragungen nutzte das Projektteam unterschiedliche Methoden, darunter Abstimmungen mit Klebepunkten, handschriftliche Notizen auf Moderationskarten sowie Kurzfragebögen zum Ausfüllen. „Die Ergebnisse waren nicht repräsentativ, sondern eher stichprobenartig“, so Schrader. Das liege in der Natur des Formats, welches vor allem von seiner Kurzweiligkeit und Spontaneität lebe. „ Es ging eher darum, ins Gespräch zu kommen, ein Stimmungsbild einzufangen und ein Gefühl für die Themen und Bedarfe der Studierenden zu bekommen.“
Eine Frage, die auch die Studierenden interessierte: Was passiert mit den Ergebnissen? „Es ist wichtig, darauf eine Antwort zu haben“, betont Schrader, „denn warum sollte ich an so einem Format teilnehmen, wenn die Ergebnisse am Ende im Sande verlaufen?“ Deshalb habe das Team stets versucht, den Nutzen der Befragungen transparent zu machen. „Wir haben die Rückmeldungen im Nachhinein aufbereitet. Wir haben ja mit verschiedenen Akteur:innen zusammengearbeitet, sie konnten dann dieses Feedback nutzen.” Oft ergaben sich sogar weitere Anknüpfungspunkte. „Die Ergebnisse vom Nachhaltigkeitstag zum Beispiel sind später in die Erarbeitung der Nachhaltigkeitsstrategie an unserer Hochschule eingeflossen“, berichtet Schrader.
„Studis waren dankbar“
Mit der Zeit gewann das Format hochschulweit an Bekanntheit. „Die ‚PartiPause‘ wurde ein paar Mal im Hochschulsenat erwähnt und plötzlich kannten uns viele Lehrende. Das hat uns positiv überrascht.“ Bald erreichten das Projektteam gezielte Anfragen aus verschiedenen Bereichen der Hochschule. Es meldeten sich etwa Mitarbeitende der Bibliothek, die neue Unterstützungsangebote für Studierende schaffen wollten. So war die „PartiPause“ auch bei der Langen Nacht des Schreibens mit einem Stand vertreten, um Bedarfe rund um das Thema wissenschaftliches Arbeiten zu erheben.
Auch unter den Studierenden sei das Team der „PartiPause“ immer häufiger wiedererkannt worden. „Anfangs hatten wir noch Sorge, bei den Studierenden abzublitzen“, berichtet Schrader. Doch die Rückmeldungen seien durchweg positiv gewesen. „Die Studis waren sehr dankbar, dass sich die Hochschule für ihre Meinung interessiert.“
Von der Idee zum Transfer
Auch andere Hochschulen arbeiten daran, studentische Partizipation in ihre Strukturen zu integrieren. Als Impulsgeber für die „PartiPause“ diente das von uns geförderte Projekt „NEO – Campus der Zukunft“ an der Hochschule München. Dort wurde mit dem Format „NExpressO“ ein ähnlicher Ansatz erprobt.
„Ich stand im Austausch mit einer Kollegin aus dem Münchener Projekt, die mir von ihrem Partizipationsformat erzählt hat“, so Schrader. Die Idee sei auch in Hamburg auf Interesse gestoßen und habe sich gut an den eigenen Kontext anpassen lassen. „Daher kam auch unsere Motivation, die Maßnahme im Transferkiosk zu dokumentieren. Wir glauben, dass sie an vielen Hochschulen gut funktionieren kann.“
Die komplette Maßnahme und dazugehörige Materialien finden Sie im Transferkiosk.
Der Transferkiosk
Wissen teilen. Inspiration finden. Lehre gemeinsam verändern.
Der Transferkiosk ist unsere Plattform für neue Ideen und Ansätze in Lehre und Studium. Wir wollen damit dazu beitragen, die Hochschullehre zu innovieren und zu gestalten. Der Transferkiosk ermöglicht Einblicke in alle Projekte, die wir fördern. Nutzer:innen können dort ihre Learnings aus umgesetzten Maßnahmen teilen, sich von innovativen Lehrprojekten inspirieren lassen und Kontakt zu den Projekten aufnehmen.
Mehr erfahren Sie im Transferkiosk und im Erklärvideo.
Zur Autorin
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.