Brücken in die Lehre bauen
Ein Beitrag von Marie Hecht
Es ist eine enorme Herausforderung: Erst kürzlich sorgte eine Sperrung der Bonner Friedrich-Ebert-Brücke für Verkehrschaos. Der Ersatzneubau der Sternbrücke in Hamburg-Altona führt zu erheblichen Einschränkungen im Bahn- und Straßenverkehr. Und im Ruhrgebiet wird die A45 monatelang wegen einer Brückensanierung teilweise gesperrt werden. Der Zustand der Brücken im Land ist ein großes Thema: Das Bundesverkehrsministerium spricht beispielsweise von 4.000 Autobahnbrücken, die bis 2030 saniert oder neu gebaut werden sollen. „Der Sanierungsbedarf wächst derzeit schneller als die verfügbaren Kapazitäten“, sagt Daniel Pak, Professor für Stahlbau und Stahlverbundbau an der Universität Siegen. Er arbeitet zum Thema Brückenmonitoring, also dem kontinuierlichen oder anlassbezogenen Erfassen des Zustands von Brückenbauwerken und der Erkennung von Schäden.
„Der Sanierungsbedarf wächst derzeit schneller als die verfügbaren Kapazitäten. Es fehlt Fachpersonal.“
„Das ist im Moment ein sehr aktuelles Thema. Aber in der Lehre kommt das so gut wie gar nicht vor.“ Das kontinuierliche oder anlassbezogene Monitoring von Brücken, die extremen Verkehrs- und Umweltbelastungen ausgesetzt sind und schnell altern, sei jedoch essenziell, um Reparaturen gezielt und präventiv planen zu können und teure Notinstandsetzungen zu vermeiden. „Dafür fehlt uns aktuell das Fachpersonal“, stellt Pak fest. Es brauche mehr Studierende, die sich im Bauingenieurwesen auf das Brückenmonitoring spezialisieren. Zwar gebe es an einzelnen Hochschulen bereits Lehrveranstaltungen zu diesem Themenfeld, ein umfassendes Lehrangebot, das alle wesentlichen Aspekte des Brückenmonitorings systematisch vermittelt, fehle bislang jedoch. Pak möchte das ändern.
Praxisnahes Brückenmonitoring – von der Konzeption bis zur virtuellen Ausführung
Im Alltag sei das allerdings schwierig. „Wenn wir in der Lehre etwas ganz Neues machen wollen, können wir es oft aus Zeitmangel nicht umsetzen oder wir machen es irgendwie nebenbei“, berichtet Pak. Er nutzte unsere „Freiraum“-Förderung, um die einsemestrige Lehrveranstaltung BRIDGE-LAB zu entwickeln. Dort werden den Studierenden die erforderlichen bau- und messtechnischen Grundlagen vermittelt. Sie entwickeln Messkonzepte, wählen geeignete Sensorik aus, planen Messkampagnen, bauen Messsysteme auf, erfassen und analysieren Messdaten und leiten daraus den Zustand eines Bauwerks ab. Als Grundlage dienen reale Monitoringprojekte, von denen Projekt- und Messdaten zur Verfügung stehen.
Zum Projekt
Ziel von BridgeLab ist es, Studierenden eine projektorientierte Lernumgebung zu bieten, in der aktuelle Fragestellungen des Brückenmonitorings praxisnah bearbeitet werden. Im Sommersemester 2026 wurde erstmals die Masterveranstaltung BridgeLab im Masterstudiengang Bauingenieurwesen der Universität Siegen angeboten. Studierende arbeiten in Teams an realitätsnahen Aufgabenstellungen zur Analyse und Bewertung von Brückenbauwerken. Mehr Informationen sowie Herausforderungen finden Sie in unserem Transferkiosk.
„Die Studierenden entwickeln in Teams interdisziplinäre, praxisnahe Brückenmonitoringprojekte – von der Konzeption bis zur virtuellen Ausführung.“
„Die Studierenden entwickeln in Teams interdisziplinäre, praxisnahe Brückenmonitoringprojekte – von der Konzeption bis zur virtuellen Ausführung“, erklärt Pak. Das Lehrformat verbinde ingenieurwissenschaftliche Inhalte mit forschendem Lernen und praxisnahen Versuchen. Die Studierenden bearbeiten dabei reale Fragestellungen aus laufenden Monitoringprojekten und sammeln Erfahrungen, wie wissenschaftliche Methoden in der ingenieurpraktischen Anwendung eingesetzt werden. „Zudem bringe ich aktuelle Forschungsthemen wie KI-gestützte Bauwerksbewertung in die Lehre ein.“ Und das mit Erfolg: Bereits mit seinem ersten Durchlauf im Sommersemester wurde das Modul fest in das Curriculum des Masterstudiengangs Bauingenieurwesen aufgenommen und kann damit unmittelbar auf das Studium angerechnet werden.
Pak verbindet Forschung und praktische Anwendung bewusst miteinander. Das merkte er schon als junger wissenschaftlicher Mitarbeiter: „Bei einer Brücke ging es um die Frage, wie sich der Erddruck bei einer bestimmten Brückenbauweise im Jahreszyklus ändert. Das haben wir aber im Studium nicht gelernt“, erinnert er sich. Das Studium habe ihm zwar gezeigt, wie die Berechnung aussehen kann, „aber das tatsächliche Messen war nicht Teil des Curriculums.“ Seitdem sucht er bewusst den engen Austausch mit der Praxis, fährt auf die Baustellen und tauscht sich nicht nur mit den Studierenden vor Ort, sondern auch mit Infrastrukturbetreibern und den Unternehmen in der Region aus. „Im Brückenmonitoring ist das Problem jedes Mal anders, ich muss das für jedes Bauwerk neu denken.“
Zur Person
Prof. Dr. Daniel Pak
Prof. Dr. Daniel Pak ist seit neun Jahren Professor für Stahlbau und Stahlverbundbau, Lehrkoordinator der Bauingenieur-Studiengänge, Mitglied des Prüfungsausschusses sowie Vorsitzender der Senatskommission für Bildung an der Universität Siegen.
Unser Begleitprogramm für Geförderte: Ein Raum für Austausch
Diese Begeisterung möchte Pak bei den Studierenden wecken. Und er will das Thema vertiefen und plant deshalb einen Masterstudiengang für das Spezialgebiet des Brückenmonitorings. Dabei stieß er auf eine Herausforderung: Die Studierendenzahlen im Bauingenieurwesen haben sich innerhalb weniger Jahre halbiert.
„Das Begleitprogramm hat meinen Blick auf die Hochschule nachhaltig verändert.“
Diese Problemstellung nahm Pak mit in unser Begleitprogramm für Geförderte „organize innovation“. Hier finden Geförderte Raum, sich über Erfolge und Herausforderungen auszutauschen und voneinander zu lernen. Pak traf auf eine Resonanzgruppe von Hochschulgestalter:innen aus ganz verschiedenen Orten, Hochschulbereichen und -fächern. „Das hat meinen Blick auf die Hochschule nachhaltig verändert. Ich verstehe viele Eigenlogiken des Systems nun viel besser und kann gelassener damit umgehen“, berichtet Pak.
Von der Lehrveranstaltung zur Studiengangs-Akkreditierung
Es habe ihm darüber hinaus geholfen, über die Hürden in seinem Projekt zu sprechen und von anderen aus dem Hochschulsystem Ideen zu hören und sie aus verschiedenen Perspektiven durchzuspielen. Es wurde deutlich, dass Anlaufschwierigkeiten sowohl für neue Studienangebote als auch für einen neuen Studiengang normal sind, berichtet Pak: „Die perfekte Hochschule gibt es nicht. Vielmehr geht es darum herauszufinden, wie ich mein Projekt vorantreiben und mit wem ich dafür zusammenarbeiten kann.“
Zum Begleitprogramm
Als Ergänzung zur Projektförderung bieten wir das Begleitprogramm „organize innovation“ an. Diese Peer-Learning-Community richtet sich an Innovator:innen in Universitäten und Hochschulen und steht exklusiv Geförderten zur Verfügung. Impulse von externen Expert:innen schaffen Raum für Austausch und neue Perspektiven. Die Teilnahme an diesem Begleitprogramm ist kostenfrei.
„Die perfekte Hochschule gibt es nicht. Vielmehr geht es darum herauszufinden, wie ich mein Projekt vorantreiben und mit wem ich dafür zusammenarbeiten kann.“
Pak wollte zunächst mit Videos auf Social Media für sein neues Modul werben. Diese Idee erwies sich dann in der Praxis als zu kompliziert. Seine Lösung: Er sprach direkt Studierende an. Von fünfzehn potentiellen Studienanfänger:innen eines Jahrgangs kamen und blieben fünf, ein Anfang. Anderen Lehrenden, die an ihren Hochschulen etwas komplett Neues anstoßen wollen, will Pak raten, unbedingt dranzubleiben: „Diesen wichtigen Punkt habe ich auch aus dem Begleitprogramm mitgenommen: „Wenn bei der Evaluation herauskommen sollte, dass etwas noch nicht gut läuft, heißt das nicht, dass die Idee schlecht ist. Es ist eine Chance, um nachzubessern.“
Dafür hat er bis Ende des Jahres Zeit. Bis dahin möchte er die Akkreditierung eines der ersten spezialisierten Masterstudiengänge für Brückenmonitoring in Deutschland auf den Weg bringen.
Zur Autorin
Marie Hecht
Marie Hecht ist Kommunikationsmanagerin in der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.