Fachkulturen reflektieren und vermitteln
Ein Beitrag von Raika Selle
Wie lese ich einen wissenschaftlichen Text? Was hat es mit diesem einen wiederkehrenden Fachbegriff auf sich? Und wie unterscheiden sich Gruppenarbeiten an der Uni von denen in der Schule? Fragen wie diese gehören für viele zum Studienstart dazu. Doch an wen können sich Studierende mit ihren Unsicherheiten wenden? Das Team des Projekts „DigiSelF“ an der Universität Paderborn hat einen Lösungsansatz dafür entwickelt: ein Programm zur Ausbildung studentischer Culture Fellows.
Culture Fellows sind Studierende verschiedener Fächer, die als Ansprechpersonen auf Augenhöhe unter anderem in Lehrveranstaltungen oder Übungsräumen aktiv sind, um weniger erfahrene Mitstudierende zu unterstützen. In der Ausbildung lernen sie, ihre eigene Fachkultur sowie dazugehörige Fachpraktiken zu reflektieren und darüber ins Gespräch zu kommen. Das Ziel: Sie begleiten die fachlichen Enkulturationsprozesse der (neuen) Studierenden. „Früher haben diese durch Beobachtung und Teilnahme am Hochschulleben quasi automatisch stattgefunden“, sagt Sabrina Schmöckel, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „DigiSelF“. „Mit der Corona-Pandemie wurde dieses beobachtende Lernen jedoch stark eingeschränkt oder gar unmöglich.“ Aus dieser Ausnahmesituation heraus entstand die Idee, ein unterstützendes Angebot für Studierende zu schaffen. Mit den Culture Fellows, die als studentische Hilfskräfte eingesetzt wurden, baute das Projektteam auf bereits bestehenden Konzepten an der Universität Paderborn auf und entwickelte sie weiter.
Zum Projekt
Das Projekt „DigiSelF“ (Digitalisierung als Herausforderung und Innovation in der Hochschullehre: Einsatz digitaler Hilfsmittel zur Förderung von Selbststeuerung) hatte es sich zum Ziel gemacht – ausgehend von den digitalen Corona-Semestern – digitale Maßnahmen zum produktiven Umgang mit Heterogenität der Studierendenschaft zu entwickeln. Zudem wurden Formen des digitalen Prüfens entwickelt, die Handlungskompetenzen und Motivation/Volition mit Feedbackfunktion adressieren. Das Programm zur Ausbildung studentischer Culture Fellows war eines von fünf Arbeitspaketen des Projekts und lief unter der Leitung von Prof. Dr. Hugo Kremer (Wirtschafts- und Berufspädagogik insb. Mediendidaktik und Weiterbildung) und Prof. Dr. Ingrid Scharlau (Kognitive Psychologie und Psychologiedidaktik) bis Dezember 2025.
Irritationen im Blick
Die Ausbildung zum Culture Fellow sollte die Teilnehmenden dazu befähigen, potenzielle Irritationsmomente und Missverständnisse zwischen Studierenden und Lehrenden wahrzunehmen. Irritation könne zum Beispiel bei Studierenden entstehen, die gerade erst aus der Schule kommen und das erste Mal den Hochschulalltag erleben, genauso wie beim Wechsel an eine andere Hochschule im Übergang zwischen Bachelor und Master. „Oft sehen Lehrende ihre Vorlesungsinhalte und ihre Terminologie als vollkommen selbstverständlich an“, erläutert Schmöckel. „Aus gutem Grund – schließlich vermitteln sie den Stoff häufig schon seit Jahren oder sogar Jahrzehnten. Dabei vergisst man schnell, dass die meisten Studierenden zum ersten Mal davon hören.“
„Wir wollten eine Brücke zwischen Studierenden und Lehrenden bauen.“
Auch in Lehrformaten können Hürden auftreten, beispielsweise durch das Aufeinandertreffen verschiedener Fachkulturen, -praktiken und -sprachen. „Während Chemiker:innen beispielsweise eher Laborpraktika und frontale Vorlesungen gewohnt sind, bewegen sich Literaturwissenschaftler:innen häufig in interaktiveren Lehrformaten“, so Schmöckel. Um für Unterschiede wie diese zu sensibilisieren, wurden die Culture Fellows unter anderem im Baustein „Fachkulturen“ ausgebildet, genauso wie in der Anwendung von Kommunikationstheorien und „Decoding the Disciplines“. „Dieser Ansatz beruht auf der Beobachtung, dass Studierende jedes Semester aufs Neue an sehr ähnlichen Stellen Schwierigkeiten haben – bei Dingen, die alle machen müssen, durch die alle durchmüssen“, sagt Schmöckel. „Genau hierfür wollten wir ein Bewusstsein schaffen und mit Hilfe der Culture Fellows eine Brücke zwischen Studierenden und Lehrenden bauen.“ Dafür brauche es nicht nur die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Erwartungen und Wissensständen umzugehen, sondern auch Reflexionsvermögen, Kommunikationskompetenz und nicht zuletzt ein hohes Maß an Beziehungsarbeit.
Zur Person
Sabrina Schmöckel
Sabrina Schmöckel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Photonische Quantensysteme (PhoQS) der Universität Paderborn. Während ihrer Mitarbeit im von uns geförderten Projekt „DigiSelF“ war sie im Arbeitsbereich Kognitive Psychologie und Psychologiedidaktik tätig.
Interdisziplinär zusammenarbeiten
Auch die Konzeption des Ausbildungsprogramms selbst sei stark von den Dynamiken der unterschiedlichen Fachkulturen geprägt gewesen. Am Projekt beteiligt waren sämtliche Fakultäten der Universität Paderborn. „Es war gar nicht so einfach, alle unter einen Hut zu bringen und ein tragfähiges Ausbildungskonzept zu entwickeln. Schließlich waren wir im Projektteam selbst stark durch unsere jeweilige fachliche Herkunft geprägt“, erklärt Schmöckel.
Zugleich unterschieden sich die Ausgangsbedingungen zwischen den Fächern deutlich. „Manche Fächer verfügten bereits über umfangreichere Unterstützungsstrukturen als andere. Die Culture Fellows wurden deshalb je nach bestehendem Angebot ergänzend eingebunden.“
Als besonders gewinnbringend erwies sich im Rahmen der Ausbildung die sogenannte Besuchswerkstatt. „Hier haben sich die Fellows gegenseitig in Vorlesungen besucht und hospitiert, um Einblicke in andere Fächer zu gewinnen“, sagt Schmöckel. Ergänzt wurde dieses Format durch regelmäßige Interaktionstermine, die den Austausch zwischen den beteiligten Statusgruppen förderten.
Das Team hinter den Culture Fellows (v.l.n.r.): Clara-Vivian Ammann (Arbeitsbereich Wirtschafts- und Berufspädagogik insb. Mediendidaktik und Weiterbildung), Sabrina Schmöckel (Arbeitsbereich Kognitive Psychologie und Psychologiedidaktik) und Eileen Brandt (Arbeitsbereich Wirtschafts- und Berufspädagogik insb. Mediendidaktik und Weiterbildung). Foto: Mo Falke, Stabstelle Bildungsinnovationen und Hochschuldidaktik, Universität Paderborn.
Studierende schwer zu erreichen
Unerwartet schwierig habe sich hingegen die Kontaktaufnahme zur Zielgruppe gestaltet. „Wir haben unterschiedliche Wege ausprobiert, um die Studierenden mit unserem Angebot zu erreichen“, so Schmöckel. „Manche haben gut funktioniert, andere weniger gut.“ Gerade Studienanfänger:innen seien häufig stark damit beschäftigt, sich mit der neuen Situation an der Universität vertraut zu machen. „Viele sind in den ersten Semestern noch so überfordert, dass sie ihre Irritationen oder Unterstützungsbedarfe noch gar nicht konkret benennen können.“ Es habe viel Initiative und proaktives Vorgehen durch die Culture Fellows gebraucht, um mit den Studierenden in Kontakt zu kommen. Hilfreich sei dabei eine frühe Einbindung der Fellows bereits während der Orientierungswoche gewesen. „So können sich alle in einer lockeren Atmosphäre kennenlernen und eine Beziehung zueinander aufbauen“, erklärt Schmöckel. „Diese informelle Ebene fällt vielen Studierenden leichter.“
Dennoch sei das Angebot insgesamt nur teilweise angenommen worden. Während einige Studierende sehr positives Feedback gaben, hätten andere die Unterstützungsangebote kaum genutzt oder wahrgenommen. „Wir vermuten, dass der Bedarf sinkt, sobald bereits Universitätserfahrung vorhanden ist, zum Beispiel bei Studierenden, die schon im Master sind.“
Gleichzeitig habe das Projekt auf anderen Ebenen deutliche Erfolge gezeigt. „Die Culture Fellows selbst waren immer sehr begeistert und konnten viel aus der Ausbildung mitnehmen“, sagt Schmöckel. Viele seien sogar über die gesamte Laufzeit von mehreren Semestern hinweg dabeigeblieben. Auch die Lehrenden profitierten vom Austausch mit den Fellows: Durch deren Rückmeldungen konnten sie blinde Flecken in der eigenen Lehre erkennen und ihre Materialien entsprechend anpassen. „Im Endeffekt haben wir mit unserem Programm vor allem die Lehrenden unterstützt – und dadurch natürlich auch die Studierenden.“
„Kommunikativ zusammenkommen“
An der Paderborner Universität haben die Culture Fellows auch über das Projekt hinaus Anklang gefunden. „Die Informatik zum Beispiel war gar nicht direkt am Projekt beteiligt, hatte aber über einen Vortrag von uns erfahren und wollte daraufhin auch Culture Fellows einsetzen.“ Auch mit Verantwortlichen eines Erstsemesterprogramms habe es bereits Gespräche darüber gegeben, wie man die verschiedenen Unterstützungsangebote miteinander kombinieren könnte. Das Projektteam hofft deshalb, dass das Konzept auch nach dem Ende der Förderung und dem Auslaufen des Ausbildungsprogramms weiter Wirkung entfaltet. „Es wäre schön, wenn auch andere Hochschulen die Idee aufgreifen“, sagt Schmöckel.
Um den Transfer zu erleichtern, hat das Team die im Projekt entwickelten Materialien dauerhaft zugänglich gemacht: „Wir haben den Moodle-Kurs mit allen Inhalten und Folien als OER auf ORCA.nrw veröffentlicht und die Maßnahme zusätzlich im Transferkiosk dokumentiert.“ So solle das Konzept auch für andere Hochschulen sichtbar und adaptierbar werden. Besonders hilfreich sei dabei der modulare Aufbau des Programms. „Dadurch, dass wir viele einzelne Arbeitspakete entwickelt haben, können Nachnutzende gezielt auswählen, was sie benötigen. Wenn eine Hochschule beispielsweise bereits ein Mentoring-Programm anbietet, lassen sich je nach Bedarf einzelne Bausteine ergänzen.“
„Es war toll zu sehen, mit welcher Offenheit und Kreativität die Culture Fellows, aber auch die Lehrenden miteinander ins Gespräch gegangen sind.“
Die Idee hinter den Culture Fellows sei auch über den Hochschulkontext hinaus von Bedeutung, denn unterschiedliche (Fach-)Praktiken und Perspektiven begegnen sich überall, sei es in Alltagssituationen, in der Wirtschaft oder im gesellschaftlichen Miteinander. Letztendlich gehe es immer darum, auf kommunikativer Ebene zusammenzukommen und sich für verschiedene Logiken zu öffnen. „Es war toll zu sehen, mit welcher Offenheit und Kreativität die Culture Fellows, aber auch die Lehrenden miteinander ins Gespräch gegangen sind“, berichtet Schmöckel. „Da hieß es dann irgendwann nicht mehr: ,Ihr zitiert falsch‘, sondern: ,Ach so läuft das bei euch? Das ist ja spannend – erzählt mal mehr!‘ Wenn wir davon nur ein kleines bisschen weitergeben könnten, wäre das schon sehr wertvoll.“
Die komplette Maßnahme sowie weitere Materialien finden Sie im Transferkiosk.
Der Transferkiosk
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Der Transferkiosk ist unsere Plattform für neue Ideen und Ansätze in Lehre und Studium. Wir wollen damit dazu beitragen, die Hochschullehre zu innovieren und zu gestalten. Der Transferkiosk ermöglicht Einblicke in alle Projekte, die wir fördern. Nutzer:innen können dort ihre Learnings aus umgesetzten Maßnahmen teilen, sich von innovativen Lehrprojekten inspirieren lassen und Kontakt zu den Projekten aufnehmen.
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Zum Autor
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.