KI-Kompetenzen international
Ein Beitrag von Raika Selle
Frau Dr. Ring, auf dem University:Future Festival sprechen Sie und Ihre Kolleg:innen über KI-Kompetenzen im internationalen Vergleich. Warum lohnt sich dieser Blickwinkel?
Regina Ring: In den Vergleich zu gehen hilft, blinde Flecken in der eigenen Perspektive zu erkennen. Aus DAAD-Perspektive ist dieser Blick besonders naheliegend, weil wir Hochschulsysteme nicht isoliert national betrachten, sondern im internationalen Austausch: über unsere weltweite Außenstruktur, die Deutschen Wissenschafts- und Innovationshäuser, Förderprogramme und den kontinuierlichen Dialog mit Hochschulen, Partnerorganisationen, Lehrenden und Studierenden weltweit. In der Erhebung, an der wir derzeit basierend auf diesem DAAD-Netzwerk arbeiten, sehen wir zwischen den Ländern Unterschiede im Umgang mit KI in der Lehre. Daraus können wir lernen: auf Ebene der Politik, der Hochschulen und auch individuell. Der internationale Vergleich gibt uns einen Überblick über globale Entwicklungen und hilft uns, KI-Anwendungen besser zu verstehen, Biases zu erkennen und für unseren Kontext relevante Kompetenzen zu identifizieren. Gleichzeitig kann der Austausch die eigene Praxis erweitern: Welche Strategien verfolgen andere Länder bei Prüfungen? Wo haben sich Leitlinien bewährt? Und wo braucht es gemeinsame Standards? Ich glaube, dieser Blick eröffnet uns neue Handlungsspielräume und stärkt uns für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen.
Zur Person
Dr. Regina Ring
Dr. Regina Ring leitet das Team Digitale Entwicklung und Transformation des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD).
Welche Unterschiede konnten Sie beobachten?
Viele Länder unterscheiden sich bereits darin, was sie unter KI-Kompetenzen verstehen. Dieses Verständnis unterliegt spezifischen Rahmenbedingungen – gesellschaftlich, institutionell und politisch – und ist in unterschiedliche Handlungs- und Anwendungskontexte eingebettet. Über das DAAD-Netzwerk können wir solche Entwicklungen früh wahrnehmen und miteinander ins Verhältnis setzen, um unterschiedliche Ansätze als Lernräume für internationale Hochschulkooperationen sichtbar zu machen.
Wir konnten erste Tendenzen beobachten: In Teilen Asiens sowie in einigen nordischen Ländern werden KI-Kompetenzen beispielsweise eher systematisch definiert und durch curriculare Verankerungen sowie formale Leitlinien gestützt. In vielen europäischen Kontexten liegt der Fokus dagegen stärker auf der Reflexion, Ethik und dem kritischen Umgang mit KI-Systemen. Diese Diskussion wird insbesondere im Hochschulbereich häufig von teilweise heterogenen Regelungen und Unsicherheiten über geeignete Rahmenbedingungen begleitet.
Im nordamerikanischen Raum zeigt sich bisher ein eher anwendungs- und innovationsorientiertes Verständnis von KI-Kompetenz, das die praktische Nutzung und Integration von KI in bestehende Lern- und Arbeitsprozesse in den Vordergrund stellt. In Teilen Südamerikas wird KI-Kompetenz zudem als Instrument zur Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen verstanden, etwa im Zusammenhang mit sozialer Inklusion, Nachhaltigkeit oder Entwicklungsfragen. Die konkrete Ausgestaltung variiert dabei jedoch zwischen einzelnen Ländern, Regionen und Hochschultypen.
Insgesamt sind wir jedoch vorsichtig mit pauschalen Zuschreibungen, genauso wie mit der Identifikation vermeintlicher „Best Practices“. Denn was in einem fachlichen, institutionellen oder auch kulturellen Kontext gut funktioniert, lässt sich nicht ohne Weiteres auf andere Kontexte übertragen.
Und wo steht Deutschland in diesem Vergleich?
Deutschland hat eine Strategie und einen Aktionsplan zur Künstlichen Intelligenz – und beides zielt darauf ab, Deutschland als führenden KI-Standort aufzustellen und Talente zu fördern. Zudem sind wir daran interessiert, den Transfer in Wirtschaft und Gesellschaft zu stärken. Das spiegelt sich auch im Hochschulkontext wider: Es gibt starke Netzwerke, neue Studienangebote und Initiativen zur Förderung von KI-Expertise und internationaler Vernetzung.
Darüber hinaus sehen wir Spezialisierung und Exzellenz als zentrale Themen, weniger jedoch die flächendeckende Vermittlung von KI-Kompetenzen an alle Studierenden. Es gibt zwar zahlreiche Initiativen und Angebote, etwa den KI-Campus oder hochschulinterne Zertifizierungsprogramme, aber noch keine systematische Grundausbildung, wie sie in anderen Ländern bereits existiert. Auf dem U:FF nehmen wir exemplarisch die Perspektiven ausgewählter Länder in den Blick, um die Vielseitigkeit der Zugänge aufzuzeigen und Impulse für unsere eigene Auseinandersetzung mit dem Thema zu geben. Genau hier kann der DAAD eine vermittelnde Rolle einnehmen: Er macht internationale Erfahrungen vergleichbar, bringt Partner miteinander ins Gespräch und unterstützt Hochschulen dabei, KI-Kompetenz nicht nur technisch, sondern auch kulturell, ethisch und hochschulpolitisch anschlussfähig zu denken.
Mehr zu diesem Thema auf dem U:FF
Dr. Regina Ring spricht zu diesem Thema mit Nick Reinert (DWIH New York), Dr. Laura Blecken (DAAD/DWIH Tokyo) und Anja Grecko Lorenz (DWIH São Paulo) auf dem University:Future Festival. Der Input mit dem Titel „KI-Kompetenzen im internationalen Vergleich“ untersucht internationale Ansätze aus der Perspektive des globalen Netzwerks des DAAD und konzentriert sich dabei auf verschiedene Länder. Durch den Vergleich unterschiedlicher Kontexte zeigt der Beitrag, wie politische Prioritäten, institutionelle Rahmenbedingungen und kulturelle Werte die Entwicklung von KI-Kompetenzen prägen.
Der Input findet am 22.06. von 10:50-11:55 Uhr auf der digitalen Bühne “Global Perspectives“ statt. Mehr Infos finden Sie auf der Website des U:FF.
Zur Autorin
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.