Fünf Transfer-Fragen: Hochschulweites Leitbild Lehre
Ein Beitrag von Raika Selle
Wie würden Sie Ihre Maßnahme in einem Satz beschreiben?
In einem partizipativen Entwicklungsprozess, an dem die gesamte Hochschule beteiligt war, haben wir ein Leitbild für die Lehre entwickelt, das einerseits unsere bereits gelebten Werte sichtbar macht, und gleichzeitig eine Richtung vorgibt, in die wir uns mit unserer Lehre weiter orientieren wollen.
Auf welche Herausforderung reagiert Ihre Maßnahme?
Zum einen fehlte uns bislang ein gemeinsames Leitbild für die Lehre, auch wenn der Wunsch danach schon lange bestand. Zum anderen gab es im Hochschulalltag nur wenig Zeit und Gelegenheit für einen fakultätsübergreifenden Austausch darüber, was gute Lehre ausmacht und welche Werte sie tragen sollen. Wir hatten zwar schon einige Weiterbildungs- und Austauschformate an unserer Hochschule, konnten damit jedoch nicht alle Statusgruppen in dem Maße erreichen, wie wir es für nötig hielten. Ein ausformuliertes Leitbild kann eine wichtige Basis schaffen und dazu beitragen, ein gemeinsames Verständnis von guter Lehre zu entwickeln. Die Einbindung aller Statusgruppen war uns dabei besonders wichtig, um unterschiedliche Perspektiven mitzudenken und eine Idee zu entwickeln, die von der gesamten Hochschule getragen wird. Deshalb haben wir den Prozess so gestaltet, dass Studierende, Lehrende und Mitarbeitende gleichermaßen vertreten sind und die Zeit sowie den Raum erhalten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Die positiven Rückmeldungen haben gezeigt, wie wertvoll diese gemeinsame Reflexion war. Ein toller Nebeneffekt: Aus dem Leitbildprozess hat sich der Lehrpreis für gute (digitale) Lehre weiterentwickelt, der nun regelmäßig an unserer Hochschule verliehen wird.
Zum Projekt
Das Projekt „digitALL“ verfolgte das Ziel, digitale Lehre an der HTWG Konstanz weiterzuentwickeln und nachhaltig zu verankern. Auf Basis der in der Corona-Zeit gesammelten Erfahrungen sollte die Verbindung von Präsenz- und Online-Lehre gezielt ausgebaut werden. Im Mittelpunkt stand dabei, die besonderen Stärken einer Präsenzhochschule – wie ein gutes Lernklima und den Zusammenhalt unter Studierenden – mit den Möglichkeiten digitaler Formate zu kombinieren und so eine zeitgemäße Lehr- und Lernkultur zu gestalten, die Studierende bestmöglich unterstützt. Das Projekt wurde im Rahmen unserer Förderung „Hochschullehre durch Digitalisierung stärken“ bis Ende 2025 von uns gefördert.
Wer kann Ihre Maßnahme ebenfalls nutzen?
Grundsätzlich kann die Maßnahme für alle Hochschulen interessant sein. Die Hochschule Konstanz ist zwar vergleichsweise klein, wir glauben aber, dass sich ein solcher Prozess auch auf größere Hochschulen übertragen lässt. In diesem Fall müssten die Beteiligungsformate und Methoden entsprechend skaliert und angepasst werden, was mit einem höheren organisatorischen Aufwand verbunden wäre. Unsere Erfahrung zeigt jedoch, dass sich dieser Aufwand lohnt.
Welchen Rat geben Sie Nachnutzenden für die Umsetzung?
Es gibt ein paar Faktoren, die sehr hilfreich sind, wenn man gemeinsam ein Leitbild entwickelt. Besonders wichtig war die Unterstützung durch die Hochschulleitung. Uns hat es sehr geholfen, dass das Präsidium unser Vorhaben von Beginn an unterstützt hat und wir es frühzeitig im Lenkungsausschuss des Projektes besprechen konnten, in dem alle relevanten Stakeholder und Fakultäten vertreten waren. So war jederzeit transparent, worum es geht und warum sich der Prozess lohnt. Zudem wurde der Leitbildprozess in bestehende Hochschulformate eingebunden und beispielsweise im Rahmen einer Begrüßungsveranstaltung zum Semesterstart für alle Lehrenden durch die Präsidentin angekündigt. Diese sichtbare Unterstützung und die regelmäßige Kommunikation von der Leitungsebene haben wesentlich zum Erfolg der Leitbild-Entwicklung beigetragen.
Darüber hinaus ist es wichtig zu vermitteln, dass der Prozess tatsächlich offen gestaltet wird und nicht insgeheim bereits vorgefertigte Ergebnisse vorliegen. Partizipation muss ernst gemeint sein und darf nicht lediglich dazu dienen, ein bereits feststehendes Ergebnis zu legitimieren. Gerade wenn ein solcher Prozess von der Hochschulleitung angestoßen wird, kann zunächst die Sorge entstehen, dass die wesentlichen Inhalte bereits vorgegeben sind. Deshalb haben wir im Rahmen der Workshops bewusst auf eine externe Moderation und auf eine möglichst große Vielfalt an Perspektiven gesetzt. Dadurch konnte die anfängliche Skepsis schnell abgebaut werden. Gleichzeitig wurde deutlich, dass es uns tatsächlich darum geht, eine gemeinsame Grundlage zu schaffen, die von allen Beteiligten mitgetragen wird – auch wenn nicht bei jedem Punkt direkt Konsens herrschte. Diese Offenheit und Bereitschaft, sich auf unterschiedliche Positionen einzulassen, waren entscheidend für das Vertrauen aller Mitwirkenden.
Zu guter Letzt ist es wichtig, sich frühzeitig zu fragen: Wie erwecken wir das Leitbild im Hochschulalltag zum Leben? Man sollte auf jeden Fall ausreichend Zeit und Ressourcen für die Verstetigung einplanen, denn die eigentliche Herausforderung beginnt oft erst nach der Verschriftlichung des Leitbilds. Unsere Arbeitsgruppe bestand daher auch danach noch weiter und beschäftigte sich intensiv mit der Verankerung des Leitbilds in der Hochschule. Diese Phase war teilweise deutlich kleinschrittiger und mühsamer als die Entwicklung des Leitbilds selbst, aus unserer Sicht aber ebenso wichtig – vor allem dann, wenn es einer Hochschule nicht nur darum geht, ein Leitbild zu haben, sondern es auch tatsächlich als Teil eines Hochschulentwicklungsprozesses zu verstehen und zu nutzen.
Zu den Personen
Mihai Ganea
Mihai Ganea war Leiter des Projekts „digitALL“ und leitet zudem das Open Teaching Lab an der HTWG Konstanz. Aktuell ist er als Projektleiter für Digitalisierung an der HTWG Konstanz tätig.
Sandra Hertlein
Sandra Hertlein ist als Referentin für „Kompetenzorientiertes Lehren und Lernen“ und als Be-reichsleiterin für Lehre, Qualität und digitale Transformation an der HTWG Konstanz tätig.
Was war Ihr wichtigstes Learning in Bezug auf die Maßnahme?
Ein großer Mehrwert des Prozesses lag im Austausch über unterschiedliche Methoden und Lehransätze in den Fachrichtungen – und darüber, wo es Parallelen gibt. Besonders in Erinnerung geblieben ist uns dabei das Bild einer „Jazzband“, das ein Professor aus der Fakultät Bauingenieurwesen für gute Lehre verwendet hat: Jeder musiziert für sich, und dennoch entsteht insgesamt ein stimmiges Ganzes. Dieses Bild wurde von vielen als sehr treffend und bereichernd empfunden. Für uns hat es noch einmal verdeutlicht, dass sich gute Lehre aus dem Zusammenwirken unterschiedlicher Herangehensweisen ergibt, die gemeinsam etwas Ganzes ergeben. Genau dieser Perspektivwechsel war für viele im Prozess ein wichtiges Learning.
Die vollständige Maßnahme finden Sie im Transferkiosk.
Der Transferkiosk
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Der Transferkiosk ist unsere Plattform für neue Ideen und Ansätze in Lehre und Studium. Wir wollen damit dazu beitragen, die Hochschullehre zu innovieren und zu gestalten. Der Transferkiosk ermöglicht Einblicke in alle Projekte, die wir fördern. Nutzer:innen können dort ihre Learnings aus umgesetzten Maßnahmen teilen, sich von innovativen Lehrprojekten inspirieren lassen und Kontakt zu den Projekten aufnehmen.
Mehr erfahren Sie im Transferkiosk und im Erklärvideo.
Zur Autorin
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.