Beitrag vom
20.10.2026
Projekt Resilient@Campus
Resilienz im Studium vermitteln
Ein Beitrag von Marie Hecht
„Wie gehe ich damit um, wenn ich im Seminar einen Inhalt mit den Studierenden erarbeite und in fassungslose, verzweifelte Gesichter blicke und Tränen anfangen zu laufen?“ Diese Frage treibt Britta Gossel um. Sie ist Professorin für Social Business Management im Fachbereich Nachhaltige Wirtschaft an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Ihre Seminare drehen sich um die großen Fragen der Zukunft: Die Studierenden sollen lernen, ökologische, ökonomische und soziale Zusammenhänge in ihrer Komplexität und ihren Wechselwirkungen zu erfassen und zu analysieren. Diese Probleme seien weder einfach zu beschreiben noch einfach zu lösen.
„Wenn man sich ansieht, wie nahezu alle natürlichen Lebensgrundlagen der Menschheit im fast exakt gleichen exponentiellen Verlauf degenerieren, trifft es einen wie mit einem Vorschlaghammer“, weiß auch Henning Austmann. Seit fünfzehn Jahren ist er Professor für internationales Management und lehrt das Thema nachhaltige Entwicklung aus betriebswirtschaftlicher Perspektive an der Hochschule Hannover. Beim Thema Nachhaltigkeit geht es nicht nur um den Klimawandel. Vielmehr stehen die Wechselwirkungen mehrerer Krisen im Mittelpunkt: geopolitische Konflikte, Kriege, Inflation, Energieknappheit, soziale Ungerechtigkeit und die Krise der Demokratie. „Egal, wo man gerade hinschaut, es brennt“, fasst es Austmann zusammen. In seinen Lehrveranstaltungen erfährt er in dem Kontext dieser Polykrise seit ein paar Jahren eine neue Entwicklung: „Das vermittelte Wissen steht in direktem Bezug zur Lebensrealität und Zukunft der Studierenden und ich kann beobachten, wie das tiefste emotionale Erdrutsche auslöst.“ Die Ballung der Belastungen mache es jungen Studierenden zunehmend schwer, an der Welt nicht zu verzweifeln. Er hat beobachtet: In Lehrveranstaltungen brechen sie in Tränen aus oder geben gleich ganze Module aus emotionaler Überforderung auf. Das stellt nicht nur die Lehrenden vor neue Herausforderungen. Auch in der studentischen Beratung, im Prüfungsamt oder an anderen Stellen begegneten den Mitarbeitenden Verzweiflung oder Ohnmacht der Studierenden.
„Studierende gestalten unsere Zukunft. Sie sind die Führungskräfte von morgen. Resilienz ist eine Kernkompetenz, die sie erlernen sollten.“
„Deshalb haben wir uns gefragt, wie wir an unseren Hochschulen mit der Herausforderung umgehen können, dass das von uns vermittelte Wissen derart krasse Auswirkungen auf die mentale Gesundheit und emotionalen Befindlichkeiten unserer Studierenden hat“, so Austmann. Zu einer Hochschulbildungsreise gehöre schließlich mehr als Fachwissen, betont auch Isabelle Franzen-Reuter, Vizepräsidentin für Lehre, Nachhaltigkeit und Hochschulplanung an der FH Münster und damit die Dritte im Team, die sich dem Thema Resilienz im Studium widmet. In dem von uns geförderten Verbundprojekt Resilient@Campus untersuchen Gossel, Austmann und Franzen-Reuter, wie und wo Veränderung hinsichtlich mentaler Gesundheit und Resilienz in der Hochschullehre ansetzen kann. „Schließlich sprechen wir über Studierende, die unsere Zukunft gestalten. Das sind die Führungskräfte von morgen. Resilienz ist eine Kernkompetenz, die sie erlernen sollten“, fasst Gossel zusammen.
Zum Jahresprogramm
Unser Jahresprogramm „Lehre im Kontext von Nachhaltigkeit“ hat Hochschulangehörige aus unterschiedlichen Disziplinen, Akteur:innengruppen und Generationen zusammengebracht, um die Transformation von Lehre nachhaltig zu gestalten. In Workshops, einer Exkursion sowie im gemeinsamen Austausch erweiterten die Teilnehmenden ihre individuellen Handlungskompetenzen und teilten Wissen und Erfahrungen. Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie Hochschullehre der aktuellen Nachhaltigkeitskrise gerecht werden und Veränderung anstoßen kann. So stärkte das Programm Hochschulangehörige darin, als Multiplikator:innen nachhaltiges Handeln in der Lehre voranzubringen.
Hochschullehre im Kontext von Nachhaltigkeit
Kennengelernt haben sich die Projektpartner:innen 2024 in unserem Jahresprogramm „Hochschullehre im Kontext von Nachhaltigkeit“. Das Vernetzungsprogramm brachte Menschen aus unterschiedlichen Hochschulen und Fachbereichen über ein Jahr hinweg immer wieder zusammen und schaffte Raum zum Austausch über ihre Arbeit, ihre Erfahrungen und die Herausforderungen, vor denen Hochschulen beim Thema Nachhaltigkeit stehen. Für Gossel, die damals noch neu in ihrer professoralen Rolle war und gerade den Studiengang „Sustainable Entrepreneurship and Social Innovation“ an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde aufbaute, war vor allem die Frage interessant, wie sich Nachhaltigkeitskompetenzen bei Studierenden stärken lassen. Sie wollte wissen, wie andere Hochschulen damit umgehen und von ihren Erfahrungen lernen. Auch Franzen-Reuter schätzte den kollegialen Austausch: „Gerade, wenn man neue Themen und Projekte entwickelt, ist es wertvoll, sich mit anderen Hochschulakteur:innen auszutauschen.“ Besonders wertvoll sei für sie gewesen, dass auch Studierende in das Jahresprogramm eingebunden waren und dadurch ein Austausch zwischen Lernenden und Lehrenden in einem geschützten Rahmen möglich wurde.
In Seitengesprächen ging es bald um die veränderten Lebenswelten der aktuellen Studierendengeneration und den Bedarf nach Resilienz, also der psychischen Widerstandskraft, um Krisen, Schicksalsschläge oder dauerhaften Stress zu bewältigen und gestärkt daraus hervorzugehen. Franzen-Reuter, Gossel und Austmann entwickelten ein gemeinsames Interesse: Nachhaltigkeit und mentale Gesundheit stärker zusammenzudenken. Der Kontakt der Teilnehmenden blieb auch über das Jahresprogramm hinweg bestehen. Aus einer groben Idee, die im Jahresprogramm entstand, wurde im Spätsommer 2025 ein konkretes Projektvorhaben, als Austmann eine E-Mail an seine Kolleg:innen schickte und sie zu einem ersten Online-Treffen einlud: „Für mich war klar, dass wir als Hochschullehrende Studierenden nicht nur Wissen vermitteln, sondern ihnen auch Instrumente geben müssen, um damit umzugehen und handlungsfähig zu bleiben, anstatt von schmerzhaftem Wissen betäubt zu werden. Das war für mich der Ausgangspunkt.“
ZU DEN PERSONEN
Prof. Dr. Isabelle Franzen-Reuter
Isabelle Franzen-Reuter ist Vizepräsidentin für Lehre, Nachhaltigkeit und Hochschulplanung an der FH Münster.
Prof. Dr. Britta M. Gossel
Britta M. Gossel ist Professorin für Social Business Management, Leiterin des Studiengangs „Sustainable Entrepreneurship & Social Innovation“ (M.A.) und Leiterin der Graduate School an der Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde.
Prof. Dr. Henning Austman
Henning Austman ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insb. Internationales Management, an der Hochschule Hannover.
Hochschulübergreifender Verbund
Im Anschluss traf sich das Projektteam regelmäßig online und reichte schließlich einen Verbundantrag für unsere „Die Welt ist mein Campus“-Ausschreibung ein, der vom Ausschuss zur Projektauswahl im wissenschaftsgeleiteten Auswahlverfahren zur Förderung ausgewählt wurde. Für das Projektteam eine erfolgreiche Weiterentwicklung ihres ersten Austauschs: „Der Antrag wäre ohne das Jahresprogramm so nicht entstanden, weil wir uns wahrscheinlich nicht kennengelernt hätten“, fasst es Franzen-Reuter zusammen. Auch für Austmann ist klar: Wenn die Teilnehmenden im Jahresprogramm nicht selbst erfahren hätten, wie wertvoll ein interdisziplinärer Raum für den emotionalen Austausch im Kontext von Polykrisen und Nachhaltigkeit ist, wären sie vermutlich nicht auf die Idee gekommen, diesen Ansatz hochschulübergreifend in einem Projektformat weiterzuführen.
Zum Projekt
Das Projekt „Resilient@Campus“ entwickelt eine evidenzbasierte Toolbox, mit der Lehrende für die Thematik der mentalen Gesundheit sensibilisiert und befähigt werden, die Resilienzentwicklung von Studierenden zu begleiten. Ziel ist es, die psychische Resilienz von Studierenden zu fördern und sie handlungsfähig zu machen. Ausgangspunkt ist eine psychisch stark herausgeforderte Studierendengeneration. Mehr Informationen zu dem Projekt finden Sie in unserem Transferkiosk.
Instrumentenkasten für mehr Resilienz im Hochschulsystem
Mit Resilient@Campus entwickelt das Projektteam nun einen evidenzbasierten Instrumentenkasten für die deutsche Hochschullandschaft, durch den mit verschiedenen Angeboten sichergestellt werden soll, dass Studierende Resilienz entwickeln und stärken. Zum Projektstart bindet das Team daher gezielt Expert:innen aus verschiedenen Fachbereichen ein. Eine zentrale Rolle spiele dabei die psychologische Perspektive: In einer ersten Phase soll zunächst geklärt werden, was mentale, adaptive Resilienz ausmacht und welche Fähigkeiten Menschen dabei helfen, emotional und mental mit Veränderungen umzugehen. Darauf aufbauend entwickelt das Projektteam gemeinsam mit Studierenden und Mitarbeitenden der drei Hochschulen konkrete Angebote. „Das können Trainings für Lehrende und Mitarbeitende, creditwirksame neue Module und Bausteine in Studiengängen, Betreuungs- und Beratungsangebote oder reflexive Formate sein“, führt Austmann aus.
„Das Jahresprogramm war für mich eine Bestätigung, Ermutigung und ein Aufrütteln zugleich. Es hat mir Mut gemacht, der Verantwortung nachzugehen und mit unserem Wissen ins Handeln zu kommen.“
In einer dritten Phase werden diese Angebote getestet, evaluiert, aufbereitet und für eine Übertragung auf weitere Hochschulen zugänglich gemacht. Dabei seien die drei Verbundpartner als Hochschulen hinsichtlich ihrer Fächer und Zielgruppen sehr unterschiedlich aufgestellt: „Gerade diese Diversität macht unsere Arbeit sehr reichhaltig, um die Ansätze anschließend mit unterschiedlichen Hebeln an anderen Hochschulen nutzbar zu machen,“ so Gossel.
Aus dem Netzwerk, das durch das Jahresprogramm entstand, nimmt das Projektteam vor allem die Gewissheit mit, dass es auch über die eigene Hochschule hinaus Menschen gibt, die im Hochschulkontext an ähnlichen Themen arbeiten, ähnliche Fragen haben und sich gegenseitig unterstützen können, findet Austmann: „Das Jahresprogramm war für mich eine Bestätigung, Ermutigung und ein Aufrütteln zugleich. Es hat mir Mut gemacht, der Verantwortung nachzugehen und mit unserem Wissen ins Handeln zu kommen.“
Zur Autorin
Marie Hecht
Marie Hecht ist Kommunikationsmanagerin in der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.