Transferwege schaffen
Ein Beitrag von Greta Lührs
Der Austausch von Lehrmaterialien ist oftmals schon innerhalb des eigenen Fachbereichs nicht an der Tagesordnung im universitären Alltag. Das von uns geförderte Projekt „DigiTeLL“ hat auf den Transfer der Ergebnisse einen besonderen Fokus gelegt. Zum Projektende hin wurde klar: Transfer muss individuell gedacht werden und ist manchmal nicht so einfach wie angenommen. Trotzdem konnte das Projekt einige Anstöße zu gemeinschaftlich gestalteter Lehre geben, die nachhaltigen Bestand haben.
„DigiTeLL“ (Digital Teaching and Learning Lab) war ein universitätsweites Projekt zur Förderung innovativer Lehr-Lernprojekte, das wir bis Ende Dezember 2025 gefördert haben. In dem Projekt entstanden 39 Teilprojekte, sogenannte Partnerships. Diese bestanden jeweils aus Personen aus dem jeweiligen Fachbereich sowie einer Unterstützungseinheit aus dem Projektteam. Jede Partnership arbeitete gemeinsam an einem Lehr-Lernprojekt, das hier „Learning Design“ heißt. Elf von 16 Fachbereichen der Goethe-Universität Frankfurt waren mit einem Projekt vertreten – bei „DigiTeLL“ gab es eine große Vielfalt an Themen und Fächern. Auch bei der Zusammenstellung der Projektteams ermöglichte „DigiTeLL“ Flexibilität: „Wir hatten klassisch aufgestellte Projekte, die an eine Professur angedockt waren, aber auch rein studentische Projekte oder Teams, die aus einer zentralen Einrichtung wie der Universitätsbibliothek kamen“, erzählt Dr. Mona Stierwald, Gesamtprojektkoordinatorin bei „DigiTeLL“.
Herausforderung Transfer
In den ersten zwei Jahren des Projekts wurden die Learning Designs erarbeitet und in den letzten zwei Jahren lag der Fokus auf der Frage, wie der Transfer der Ergebnisse gelingen kann. Dafür wurden von den 39 Projekten 15 ausgewählt, die besonders geeignet schienen, in die Breite getragen zu werden. „Ein Ziel war von Anfang an, dass die Konzepte nicht nur im eigenen Fachbereich angewendet, sondern auch transferiert werden“, so Stierwald. Dennoch stellte Transfer eine Herausforderung dar, für die es keine Patentlösung gab.
„Wir hatten den Anspruch, jedes der Konzepte vom konkreten Inhalt zu abstrahieren und als eine Art Template zur Verfügung zu stellen, das fachlich beliebig angepasst werden kann. In der Realität war das aber nicht immer möglich, zum Beispiel weil die Konzepte zu stark mit dem fachlichen Inhalt verwoben waren“, sagt Stierwald.
Dies sei zum Beispiel bei einem Teilprojekt aus der Geschichtswissenschaft der Fall gewesen, in dem es um Lehrvideos zu historischen Ereignissen ging. Hier war der Inhalt so maßgeblich für das Konzept, dass kein Mehrwert darin bestand, das Konzept als Template für andere Fachbereiche zur Verfügung zu stellen und weitergehend zu adaptieren. Nun kann eine enge Verknüpfung von Inhalten und Konzepten als ein Ausweis herausragender Fachlehre betrachtet werden. Übergeordnet stellt sich daher die Frage, ob sich fachlich entwickelte Learning Designs überhaupt für einen Transfer in gänzlich andere Fachkontexte anbieten.
Zum Projekt
„DigiTeLL“ steht für „Digital Teaching and Learning Lab“. Das Projekt wurde von 2021 bis Ende 2025 im Rahmen der Ausschreibung „Hochschullehre durch Digitalisierung stärken“ von uns gefördert. Im Mittelpunkt des Projekts stand die Entwicklung innovativer Learning Designs, die an der ganzen Goethe Universität Frankfurt und darüber hinaus nachhaltig genutzt werden können.
Auch dort, wo sich Konzepte gut für den Transfer eigneten, mussten die Teilprojekte erst einmal Wege finden, um ihre Learning Designs in die Universität zu bringen. Vorgefertigte Lösungen gab es noch nicht. Im eigenen Fachbereich funktionierte die Verbreitung durch den mündlichen Austausch zwischen Kolleg:innen recht gut, resümiert Stierwald. Viele Lehrende würden sich daran orientieren, was ihre Kolleg:innen tun oder diese nach Rat fragen, wenn sie ein bestimmtes Problem in der Lehre adressieren wollen. „Das persönliche Gespräch bringt oft mehr als eine Ressource nur auf eine digitale Plattform hochzuladen“, so Stierwald.
Transferwege finden
Um auch Fächer außerhalb des eigenen Fachbereichs für ihre Learning Designs zu begeistern, erhielten die Teilprojekte Hilfe von den projekteigenen Unterstützungseinheiten. „Deren Aufgabe war es, Synergien zwischen den Fächern zu finden und mögliche Transferwege für die Projekte aufzuzeigen“, erklärt Stierwald. „Es wurde geschaut, welche Formate für welches Fach interessant sein könnten oder was sich zum Beispiel für einen Workshop in der zentralen E-Learning-Einrichtung eignet.“ Bei einigen Projekten habe die Weiterverbreitung an der Universität dadurch sehr gut funktioniert, etwa bei dem Learning Design ANGEL, das in der katholischen Theologie entstand.
ANGEL ist ein Lehr-Lern-Szenario, in dem es um das Schreiben von Hausarbeiten in einer kommunikativen Seminarsituation geht. Angeleitet von der Lehrperson und im Austausch mit anderen erarbeiten die Studierenden in dem digitalen Programm CITAVI Konzepte und Argumentationswege, die als Basis für die Hausarbeit dienen. Damit soll die Kompetenz wissenschaftlicher Textarbeit der Studierenden gestärkt werden. „Dieses Konzept lässt sich gut übertragen auf Fächer, in denen Hausarbeiten geschrieben werden. Darum haben wir das Projekt ermutigt, mit dem Schreibzentrum der Universität Kontakt aufzunehmen“, so Stierwald. Über dieses Zentrum konnte es gelingen, dass das Learning Design nun auch von anderen Fächern genutzt wird, die Hausarbeiten als Prüfungsform vorsehen.
Zur Person
Dr. Mona Stierwald
Projektkoordinatorin „DigiTeLL“
Lehrkonzepte weiterzugeben oder zu adaptieren ist Stierwald zufolge noch nicht so etabliert wie es sein könnte. Genau darum sei „DigiTeLL“ ein wichtiges Projekt für die Goethe Universität gewesen. Durch die interdisziplinäre Zusammenarbeit sind viele Kontakte und Austauschwege entstanden, die es vorher so nicht gab. „Wir haben mit dem Projekt einen Impuls für eine Kultur des Teilens gesetzt, für eine Welt, in der Lehre nicht im stillen Kämmerlein ausgearbeitet wird, sondern gemeinsam erdacht und weiterentwickelt wird,“ sagt Stierwald. Um das zu erreichen, war es „DigiTeLL“ besonders wichtig, möglichst viele universitäre Akteure und Einrichtungen ins Boot zu holen. „Das Schöne und Besondere an „DigiTeLL“ ist die enge Kooperation gewesen, in der sich gezeigt hat, wie gewinnbringend der Austausch ist“, erinnert sich Stierwald.
Projektabschluss gestalten
Zum Projektabschluss hin führte Stierwald mit allen Projekten Abschlussgespräche. Was den Transfer betrifft, meldeten ihr einige Projekte zurück, dass sie sich zu spät damit auseinandergesetzt hätten und früher Feedback von außen einholen hätten sollen. „Ich nehme als Learning mit, dass es frühzeitig und immer wieder Impulse auch von der Koordinationsebene braucht, damit Transfer mitgedacht und angegangen wird.“
Auch das Aufzeigen von Good Practice Beispielen während der Projektphase könnte Stierwald zufolge anspornen, Transfer auch im eigenen Projekt umzusetzen. „Ich denke, es wäre auch sinnvoll, mehr auf die Transfernehmenden zu schauen und zum Beispiel über Tandem-Konstellationen nachzudenken aus Transfergebenden und Transfernehmenden“, meint Stierwald. So könnten Projekte noch mehr darauf eingehen, wie ihre Arbeit von anderen adaptiert werden kann.
Alle 39 Learning Designs aus „DigiTeLL“ sind auf der digitalen Plattform „Lehre virtuell“ verfügbar. Die Plattform wird auch nach Projektende weiter betrieben und voraussichtlich noch um einen Chatbot ergänzt, damit Lehrende schneller passende Learning Designs finden können. Die Unterstützungseinheiten bestehen auch nach dem Projektende weiter und haben den Auftrag, den Austausch aufrechtzuerhalten, den „DigiTeLL“ an der gesamten Universität angestoßen hat. Weitere wertvolle Einblicke in einzelne Learning Designs bietet der Sammelband „Digitale Learning Designs für die Hochschullehre gemeinschaftlich entwickeln. Werkzeuge – Ressourcen – Szenarien“, der in Kürze im Waxmann-Verlag erscheinen wird.
Die Learnings und Ergebnisse aus „DigiTeLL“ übergibt Stierwald auch an das Folgeprojekt an der Goethe Universität: Kürzlich ist dort das Projekt „Academic Cross-Disciplinary Culture (ACDC)“ gestartet, gefördert im Rahmen unserer Ausschreibung „Lehrarchitektur“. Dessen Ziel ist die Etablierung einer transdisziplinären Lernkultur durch die Modifikation und Weiterentwicklung von Studienangeboten.
Zur Autorin
Greta Lührs
Kommunikationsmanagerin
Greta Lührs ist Kommunikationsmanagerin der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.