Wandel aus jeder Position gestalten
Ein Beitrag von Marie Hecht
Lernen sollte begeistern – sowohl die Lernenden als auch die Lehrenden, darum geht es Hans Ludwig Meyer. Er ist Professor für Personalentwicklung und Lebenslanges Lernen an der Hochschule Weserbergland und seit über 25 Jahren an der Hochschule tätig: „Wenn ich eine Vorlesung halte und in einen bequemen Modus komme, wird mir schnell langweilig und genau an diesem Punkt verliere ich auch die Studierenden“, sagt Meyer. Regelmäßige Veränderung ist für ihn daher ein essenzieller Bestandteil von Hochschullehre, und das auf allen Ebenen. Denn seine Hypothese ist, „dass oft weder Studierende noch Lehrende so ganz mit der Lehre zufrieden sind. Aber diejenigen, die am ehesten etwas verändern können, sind die Lehrenden.“ Er ist der Überzeugung: „Egal, welche Rolle jemand im Lehrsystem hat, es gibt immer Freiräume und Möglichkeiten, Innovationen umzusetzen.“
Veränderung ist möglich
Meyer spricht aus Erfahrung, denn er hat an seiner Hochschule schon viele Funktionen besetzt. Nach dem Abitur absolvierte Meyer zunächst eine Ausbildung zum Mess- und Regelmechaniker in einer Papierfabrik und engagierte sich bald in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit. Auf Wochenendseminaren wollte er jungen Auszubildenden ermöglichen, anders zu lernen, als sie es aus der Schule kannten: „Ich wollte ihnen zeigen, dass Lernen Spaß machen kann“, erinnert sich Meyer. Diese Einstellung begleitet ihn bis heute.
„Egal, welche Rolle jemand im Lehrsystem hat, es gibt immer Freiräume und Möglichkeiten, Innovationen umzusetzen.“
Nach seinem Studium und der Promotion in Wirtschaftswissenschaften mit Fokus auf Arbeitsökonomie, Personal und Berufspädagogik übernimmt er zunächst die Leitung des Fachbereichs Wirtschaft an der Berufsakademie Weserbergland, wie die heutige Hochschule im Jahr 2000 noch hieß. Später wird er erst Dekan, dann Vizepräsident für Studium, Lehre und Weiterbildung und schließlich Präsident der Hochschule in Hameln: „In diesen Positionen hatte ich mehr formale Möglichkeiten, verbindlich Veränderungen in die Hochschule zu bringen“, sagt Meyer. Als Präsident habe er besonders Einfluss auf die Rahmenbedingungen nehmen und Studiengänge sowie Curricula entwickeln können. „Gleichzeitig war ich als Präsident und Geschäftsführer der privaten Hochschule auch für die wirtschaftliche Stabilität verantwortlich, was mir wenig Freiraum für neue Impulse in der Lehre ließ.“
Seit drei Jahren ist Meyer nicht mehr Präsident und wieder in der Lehre tätig. Er sieht die Hochschullehre mit neuen Herausforderungen konfrontiert: Durch den Einfluss der künstlichen Intelligenz stelle sich immer öfter die Frage nach Glaubwürdigkeit. „Deshalb werden der direkte Austausch mit den Studierenden und das persönliche Gespräch immer wichtiger“, meint Meyer. Diesen Ansatz nimmt er mit in seine neue Rolle an der Hochschule.
Zum Begleitprogramm
Als Ergänzung zur Projektförderung bieten wir das Begleitprogramm „organize innovation“ an. Diese Peer-Learning-Community richtet sich an Innovator:innen in Universitäten und Hochschulen und steht exklusiv Geförderten zur Verfügung. In einer Atmosphäre von Vertrauen und Offenheit bietet das Begleitprogramm einen organisationstheoretischen Blick auf Hochschulen, Raum für Austausch und neue Perspektiven sowie für Reflexion zu formalen Strukturen und informellen Handeln im Hochschulsystem. Es kommen dabei Einzelcoachings mit externen Expert:innen, Fallarbeiten in kleinen Gruppen, Plenary Sessions für Inputs aus Wissenschaft und Praxis wie auch Video-on-demand-Sessions zur Vertiefung von Inhalten zum Einsatz.
Innovationen verstetigen
Gleich im ersten Jahr nach seiner Zeit als Hochschulpräsident geht Meyer eine Kooperation mit dem in Hameln ansässigen Bürgerfunksender „radioaktiv“ ein. Einer Gruppe Studierender schlägt er im Rahmen eines Projektsemesters vor, ein Radioformat für die Hochschule zu entwickeln und zu erproben. Im Rahmen unserer „Freiraum“-Förderung verstetigt Meyer das Radioprojekt „HSW RaPop“, das sich bald zu einem Radio-, Podcast- und Videocastprojekt entwickelt. Das ist etwas ganz Neues für die Hochschule Weserbergland, an der man Betriebswirtschaftslehre, Wirtschaftsinformatik und Wirtschaftsingenieurwesen studiert: „Bei diesen Studiengängen denkt man vielleicht nicht sofort an kreative Mediengestaltung“, erklärt Meyer. Doch er wird überrascht: „Am Anfang dachte ich, dass ich die Studierenden ganz eng begleiten muss, aber ich habe schnell gemerkt, dass ich nahezu überflüssig war, weil sie intrinsisch motiviert waren.“ Sein Ziel, in der Lehre die Freude am sozialen Miteinander und die Gespräche unter den Studierenden zu fördern, geht auf. In mehreren Folgen pro Semester teilen die Studierenden ihre Perspektiven auf das duale Studium, die Hochschule, die Berufswelt und berichten über aktuelle Themen und Veranstaltungen aus der Region.
„Wenn du verstanden hast, wie eine Organisation funktioniert, hast du die Möglichkeit, etwas zu verändern.“
Unser Begleitprogramm „organize innovation“ nutzt Meyer, um neben der Projektentwicklung seine neue Rolle an der Hochschule zu reflektieren: „Anstatt immer die Erwartung zu haben, dass sich nur auf formaler Seite etwas ändern lässt, kann man Spielräume ausloten und einfach ausprobieren“, betont Meyer. Im Programm trifft er auf andere Innovator:innen aus Universitäten und Hochschulen und erwirbt Kenntnisse über Mechanismen, um – aus welcher Position auch immer heraus – einen dauerhaften Kulturwandel an der Hochschule anzustoßen. Aus dem Begleitprogramm nimmt er mit, dass „es egal ist, mit wie viel formaler Macht du ausgestattet bist. Wenn du verstanden hast, wie eine Organisation funktioniert, hast du die Möglichkeit, etwas zu verändern.“
Zur Person
Prof. Dr. Hans Ludwig Meyer
Prof. Dr. Hans Ludwig Meyer ist Professor für Personalentwicklung und Lebenslanges Lernen an der Hochschule Weserbergland und Projektleiter von „HSW RaPop.“ Zuvor war er Dekan, Vizepräsident für Studium, Lehre und Weiterbildung sowie zuletzt Präsident der Hochschule. Mit seiner Kollegin Dr. Carina Engelhardt ist er Host des Podcast „Hörbar Innovativ“ – der Podcast über den Einsatz von Podcasts in der Hochschullehre.
Eine neue Form des Dialogs
Und tatsächlich: Die Begeisterung der Studierenden an der Hochschule Weserbergland schwappt auf die Lehrenden über und eine neue Form des Dialogs entsteht. Einige Lehrende geben den Studierenden Podcast-Empfehlungen zur Vorlesungsvorbereitung oder nutzen Podcasts, damit sich die Studierenden Inhalte in ihrem eigenen Lerntempo erarbeiten können. Ein Dozent nutzt ein KI-Tool, das selbstständig Podcasts erstellt, um seine Vorlesungen zu dokumentieren. Das hat den Vorteil, dass die Studierenden flexibel auf die Inhalte zugreifen können, auch wenn sie gerade ihr Praxissemester in einem Unternehmen absolvieren und nicht an der Hochschule sind. Eine andere Dozentin gibt den Studierenden im Fach Statistik auf, einen Videopodcast als Prüfungsleistung vorzubereiten und in der mündlichen Prüfung eine Sequenz vorzuspielen, die dann besprochen werden kann. „Das kam sehr gut an, weil es die Prüfungssituation aufgelockert und die Anspannung reduziert hat“, erklärt Meyer.
Zum Projekt
Das Projekt „HSW RaPop“ erprobt die Nutzung von Radio-, Podcast- und Videocast-Formaten zur Weiterentwicklung der Lehre und als alternative Prüfungsform in den Studienangeboten der Hochschule Weserbergland. Dazu gehören die Gestaltung und Nutzung eines Studios als Labor und Experimentierraum für die Produktion von Radio-, Podcast- und Videocast-Formaten sowie die Erprobung der Medienformate als Ergebnisdokumentation und Leistungsnachweis. Mehr Informationen zu dem Projekt finden Sie in unserem Transferkiosk.
„Wer die Komfortzone nicht verlässt, kann nichts Neues schaffen.“
Drei Jahre nach seiner ersten Idee hat Meyer an der Hochschule Weserbergland mit Hilfe der Studierenden und des Kollegiums eine neue Kultur etabliert: Mittlerweile bindet schon rund ein Drittel der hauptberuflich Lehrenden Podcasts in ihre Lehre ein und rund dreißig Prozent der Studierenden haben bereits mit dem Format gelernt. „Das ist der Vorteil einer kleinen Hochschule: Innovationen in der Lehre finden schnell Verbreitung“, sagt Meyer. Am Ende der Projektlaufzeit werden aus den Erfahrungen des Projektteams Empfehlungen abgeleitet und dem Senat der Hochschule Weserbergland zur Entscheidung vorgelegt.
Mit seiner Kollegin Dr. Carina Engelhardt hostet er nun auch selbst einen Podcast, der erklärt, wie das Medium in der Hochschullehre eingesetzt werden kann. Allen Lehrenden kann der Projektleiter nur raten: „Probiert einfach mal etwas aus. Sprecht mit euren Studierenden, lasst sie an den Lehrexperimenten teilhaben und reflektiert gemeinsam. Nicht jede Idee wird gleich zum Erfolg, aber wer die Komfortzone nicht verlässt, kann nichts Neues schaffen.“
Zur Autorin
Marie Hecht
Marie Hecht ist Kommunikationsmanagerin in der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.