Der digitale Prüfungsschreibtisch
Ein Beitrag von Greta Lührs
An der Hochschule für Polizei und Verwaltung Nordrhein-Westfalen (HSPV NRW) werden die zukünftigen Mitarbeitenden für den öffentlichen Dienst ausgebildet, sowohl für die Polizei als auch im kommunalen und staatlichen Bereich. Viele der Studiengänge enthalten Rechtsfächer, deren Module mit zentralen Klausuren abgeschlossen werden. Rechtsklausuren werden traditionell mit Papier und Stift geschrieben. Diese etablierte Praxis prägt seit Jahrzehnten die juristische Ausbildung. Inzwischen gewinnt jedoch die elektronische Bearbeitung von Klausuren an Bedeutung. Das Projekt PEP („Praxisnahe elektronische Prüfungen“) leistete dazu einen Beitrag.
Das richtige Programm
Auf der Suche nach einem geeigneten digitalen Prüfungstool zur Durchführung von E-Klausuren stieß Projektleiterin Prof.‘in Dr. iur. Cornelia Fischer mit ihrem Team auf EDUTIEK („Einfache Durchführung textintensiver E-Klausuren“), ein Programm, das in einem Projekt an der Universität Münster entwickelt wurde und das mit der Open Source Lernumgebung ILIAS kompatibel ist. EDUTIEK bot sich für die Bedarfe der HSPV NRW an, da ILIAS dort bereits genutzt wurde und EDUTIEK vor allem für textintensive Klausurformate konzipiert wurde. „Wir haben EDUTIEK im Projekt mitgetestet und Feedback gegeben zur Weiterentwicklung“, erzählt Fischer. Nach zahlreichen Pilotprüfungen konnte EDUTIEK durch PEP in die hochschulweite Lernplattform der HSPV NRW integriert werden.
Bei EDUTIEK können die Nutzenden über eine Cloud-Struktur zusammenarbeiten. Es müssen keine Dateien heruntergeladen und verschickt werden. Die Prüfung kann im selben Tool konzipiert, durchgeführt und korrigiert werden. „Es ist im Grunde ein digitaler Prüfungsschreibtisch, der alles bietet, was es für die Prüfung braucht“, so Fischer.
Geteilte Infrastruktur
Da die Modulabschlussklausuren an der HSPV NRW zeitgleich in Präsenz geschrieben werden, stellte die Prüfungsinfrastruktur eine Herausforderung für PEP dar: „Um mehrere hundert Studierende gleichzeitig vor Ort mit EDUTIEK zu prüfen, fehlt uns an der Hochschule die räumliche und technische Infrastruktur“, erzählt Fischer. Darum ging das Projekt eine Kooperation mit der Universität zu Köln ein, die über ein großes Prüfungszentrum verfügt. Dort konnten dann in mehreren Pilotversuchen rund 150 Studierende Probeklausuren mit EDUTIEK schreiben. „Wir haben gezeigt, dass es durch Kooperation und geteilte Infrastruktur möglich ist, E-Klausuren auch mit vielen Studierenden in Präsenz durchzuführen“, resümiert Fischer.
Zur Person
Prof.‘in Dr. iur. Cornelia Fischer
Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung, Projektleiterin PEP, Maîtrise en Droit (Paris X)
Und was sagen die Studierenden zu den E-Klausuren? Fischer zufolge fallen die Rückmeldungen sehr positiv aus. Ihr liebstes Feedback bislang: „Gerne immer E-Klausur!“ Auch aus Fischers Sicht liegen die Vorteile auf der Hand: „Die Qualität der Klausuren steigt, wenn man ein Textverarbeitungsprogramm nutzen und zum Beispiel einfach Inhalte löschen, verschieben oder kopieren kann.“ Darüber hinaus sind sowohl die Klausur selbst als auch die Korrekturen besser lesbar. Unter den Lehrenden finden sich unterschiedliche Reaktionen: Einige loben das neue Tool für die Zeitersparnis beim Korrigieren. Es gibt Fischer zufolge aber auch jene Gegenstimmen, die bei technischen Neuerungen häufig laut werden und die den grundsätzlichen Nutzen von E-Klausuren infrage stellen.

Digitale Prüfungen, analoge Kunst
An der HSPV NRW werden große Din A4 Umschläge aus braunem Packpapier benutzt, um die Klausuren an die Korrektor:innen weiterzugeben. Diese Umschläge wurden bei „PEP“ kurzerhand zum Kunstobjekt: Die Künstlerin Valeria Fahrenkrog, die im Projekt angestellt war, bemalte benutze Umschläge mit Bildern, die den Projektverlauf dokumentieren (siehe Bilder). Die künstlerische Begleitung des Projekts war Fischer von Anfang an wichtig und Teil der Transfer-Strategie: Die Kunstwerke sind als Ausstellung angelegt und sollen das Projekt bekannter machen – auch über die Hochschule hinaus.

Zu dem interdisziplinären Team von PEP gehört seit Projektbeginn auch die Illustratorin Julia Regett. Mit den von ihr gestalteten Grafiken konzipierte Fischer zum Projektabschluss eine LinkedIn-Aktion unter dem Motto „Das kann Papier besser – Postkarten aus meinem digitalen Forschungsprojekt.“ Dafür versendete Fischer Postkarten aus Papier an Unterstützer:innen und Begleiter:innen des Projekts und postete diese auf LinkedIn. Die Message: Nicht alles ist digital besser – textintensive Klausuren aber schon. Dass Künstlerinnen analoge Kunstwerke in einem Digitalisierungsprojekt anfertigen, ist für Fischer keinesfalls ein Widerspruch, sondern zeigt eine fruchtbare Verknüpfung von digital und analog auf. Die Kunstwerke fungieren als analytische und kommunikative Instrumente zur Auseinandersetzung mit relevanten Inhalten und Erfolgen des Projekts. So ist auf einer der Postkarten eine kaum leserliche Handschrift zu erkennen, versehen mit der Erklärung „Meine Handschrift nach fünf Stunden Prüfung.“

Zur Autorin
Greta Lührs
Kommunikationsmanagerin
Greta Lührs ist Kommunikationsmanagerin der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.