Von der Hausarbeit zur Publikation
Ein Beitrag von Raika Selle
Im Studium entstehen immer wieder sehr gute wissenschaftliche Arbeiten. Bislang bleiben sie jedoch in aller Regel unsichtbar. „Viele Studierende generieren in ihren Arbeiten einen echten wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt“, sagt Prof. Dr. Dennis Kundisch, Professor für Wirtschaftsinformatik und Co-Leiter des Projekts „#myfirstresearchpaper“. „Wir haben uns gefragt: Wie können wir erreichen, dass solche hervorragenden Ergebnisse auch den Weg in den wissenschaftlichen Diskurs finden?“
Diese Frage bildete den Ausgangspunkt des Projekts. Denn der Schritt von einer guten Studienarbeit hin zu einer wissenschaftlichen Publikation sei für viele Studierende mit Hürden verbunden. „Dabei sind die Ergebnisse schon da, manchmal muss man sie nur einfach nochmal anders aufschreiben und neu präsentieren“, so Kundisch. Genau hier setzt das Projekt mit seinem Unterstützungsangebot an.
Zur Person
Prof. Dr. Dennis Kundisch
Dennis Kundisch ist Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität Paderborn. Gemeinsam mit Prof. Dr. Christian Bartelheimer leitete er das Projekt „#myfirstresearchpaper“.
Schrittweise zum einreichungsfähigen Paper
Die Idee zu „#myfirstresearchpaper“ ist schon älter als das Projekt selbst. „Sie geht auf eine Doktorandin an meinem Lehrstuhl zurück, die den Prozess in Eigeninitiative mehrfach mit ihren Studierenden durchlaufen und nach einer Möglichkeit gesucht hat, ihn zu systematisieren“, erläutert Kundisch. Im Rahmen des Projekts hat das Team daraus ein Lehrmodul entwickelt, das Studierende der Wirtschaftsinformatik wahlweise belegen und mit fünf ECTS-Punkten abschließen können. Voraussetzung für die Teilnahme ist eine Bewerbung mit einer bereits verfassten wissenschaftlichen Arbeit sowie die Anbindung an einen Lehrstuhl beziehungsweise eine betreuende Lehrperson.
Das Modul kombiniert Selbstlernmaterialien, beispielsweise Videos mit Avataren der Lehrpersonen, individuelle Betreuung und praktische Einblicke in den wissenschaftlichen Publikationsprozess. Im Zentrum steht dabei die schrittweise Weiterentwicklung einer fertigen schriftlichen Arbeit hin zu einem einreichungsfähigen Paper. Die Einreichung selbst ist nicht mehr Teil des Kurses. „Es geht darum, den Weg zu einer Publikation kennenzulernen und im besten Fall Interesse an einer wissenschaftlichen Karriere zu entwickeln”, sagt Kundisch. „Ob das Ergebnis tatsächlich eingereicht wird, entscheiden die Autor:innen selbst.“
„Es geht darum, den Weg zur Publikation kennenzulernen und im besten Fall Inter-esse an einer wissen-schaftlichen Karriere zu entwickeln.“
Erste Erfolge sichtbar
Alle Studierenden der mittlerweile drei Kurse konnten den Prozess erfolgreich durchlaufen und ihre Arbeiten einreichen; einzelne wurden bereits in renommierten Journals oder auf einschlägigen Tagungen präsentiert. „Außerdem berichten die Teilnehmenden, dass sie sich nun den wissenschaftlichen Arbeitsprozess viel besser vorstellen können, das ist ein wichtiger Gewinn.” Und auch für die Lehrenden sei das Modul bereichernd gewesen. „Diejenigen, mit deren Betreuung am Ende tatsächlich eine Publikation entstand, waren natürlich besonders froh“, so Kundisch. „Wir hoffen, dass sie ihre Erfahrungen auch an andere Lehrstühle weitertragen.“
Wenngleich das Modul bislang primär in der Wirtschaftsinformatik eingesetzt wurde, sei die Grundidee auch auf andere Fachbereiche übertragbar. „Unsere Materialien sind frei verfügbar“, sagt Kundisch. „Um sie zu nutzen, sollte allerdings eine fachliche Nähe gegeben sein, da die Materialien unserer Fachkultur und den damit einhergehenden Publikationslogiken folgen.“ Für eine Nutzung in anderen Fachkontexten sei daher eine entsprechende Anpassung oder Neuproduktion der Materialien erforderlich, insbesondere mit Blick auf fachspezifische Anforderungen.
Zum Projekt
Das Projekt „#myfirstresearchpaper“ umfasste die Entwicklung eines Modulangebots zur Weiterentwicklung herausragender Hausarbeiten zu wissenschaftlichen Publikationen. Im Fokus standen die Qualifizierung und strukturierte Begleitung von Studierenden sowie des akademischen Mittelbaus. Das Vorhaben beinhaltete die Konzeption, Erprobung und Verstetigung des Angebots. Die Projektergebnisse wurden als Open Educational Resources veröffentlicht und stehen damit auch anderen Hochschulen, Fachbereichen und Lehrenden zur Verfügung. Parallel wurde in Kooperation mit dem Verein „Die Wirtschaftsinformatik“ der Transfer in die gesamte Community sichergestellt. Das Projekt wurde im Rahmen unserer Förderung „Freiraum” bis Ende März 2026 gefördert.
Modul verstetigt
Herausfordernd bleibe es, Teilnehmende zu finden. „Die Studierenden erreicht man am besten über die betreuenden Lehrpersonen aus dem Mittelbau, da diese direkt geeignete Arbeiten identifizieren und die Verfasser:innen gezielt ansprechen können“, erklärt Kundisch. Für eine gelingende Zusammenarbeit brauche es dann nicht nur die beidseitige Bereitschaft, sich auf den zusätzlichen Aufwand einzulassen, sondern auch die passende Konstellation zwischen Student:in und Lehrperson.
Auch die Weiterentwicklung des Moduls stellt das Team vor neue Aufgaben. Dabei gehe es unter anderem um den Wunsch nach mehr inhaltlichem Austausch. „Dieses Feedback haben wir im zweiten Durchlauf direkt umgesetzt und mussten feststellen, dass das gar nicht so einfach ist“, sagt Kundisch. „Schließlich arbeiten alle an unterschiedlichen Themen und sehen sich mit verschiedenen Methoden und Problemen konfrontiert, sodass es nicht immer gelingt, einen gemeinsamen Nenner zu finden.“ Hilfreicher sei hingegen der Austausch über den Prozess als solchen.
„Unser Ziel ist es, dass das Modul irgendwann vollständig an unserer Hochschule verankert ist und noch viele tolle Paper hervorbringt.“
Darüber hinaus sei eine Flexibilisierung des Moduls geplant. „In den ersten Durchläufen haben wir eine sehr klare Struktur vorgegeben – von der ersten Überarbeitung über die Begutachtung bis zur finalen Version des Textes“, berichtet Kundisch. Doch diese Vorgaben passten nicht immer zu den Einreichungsfristen der Journals und Konferenzen, geschweige denn zu den individuellen Plänen der Studierenden.
Diese und weitere Anpassungen können Kundisch und sein Team in den kommenden Semestern vornehmen, denn „#myfirstresearchpaper“ wird auch nach Ende der Förderung weitergeführt. „Unser Ziel ist es, dass das Modul irgendwann vollständig an unserer Hochschule verankert ist und noch viele tolle Paper hervorbringt.“
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Zur Autorin
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.