Wenn Studierende die Vorlesung halten
Ein Beitrag von Raika Selle
Hörsaal, Lehrperson, Studierende – das Setting wirkte vertraut. Doch in der Mathematik-Vorlesung von Prof. Dr. Daniel Potts war etwas anders als gewöhnlich: Nicht er stand vorne, um die Vorlesung zu halten, sondern seine Studierenden – und zwar Woche für Woche im Wechsel. „Wir wollten mehr Interaktion in unserer Lehrveranstaltung fördern“, so Potts. „Denn: Dass ich die Folien erklären kann, ist ja klar – aber funktioniert es auch umgekehrt?“
„Wir wollten mehr Interaktion in unserer Lehrveranstaltung fördern.“
Die Idee dahinter ist nicht neu, sondern orientiert sich am didaktischen Konzept des „Inverted Classroom“. Dessen Grundprinzip besteht darin, den klassischen Frontalunterricht bewusst umzukehren. Im Lehrformat, das Potts gemeinsam mit seinem wissenschaftlichen Mitarbeiter Fabian Taubert an der Technischen Universität Chemnitz erprobt hat, bedeutete das konkret: Die Studierenden erhielten nacheinander einen Teil der Folien aus dem Skript und hielten auf dieser Grundlage selbst die Vorlesung. Durch die frühe Auseinandersetzung und das Erklären der Inhalte sollten sie nicht nur eine aktivere Rolle innerhalb der Lehrveranstaltung einnehmen, sondern auch zu einem besseren Verständnis des Stoffs gelangen. Die Lehrperson hingegen agierte dabei zurückhaltender. Sie griff bei Fragen oder Problemen ein und behielt den Ablauf im Blick.
Ein Spiegel für die eigene Lehre
Das Aufbrechen der gewohnten Rollenverteilung hatte für die Beteiligten aus Sicht der beiden Lehrenden mehrere positive Effekte. So müsse man als Lehrperson schon bei der Vorbereitung die eigenen Materialien aus einer neuen Perspektive betrachten: „Ich kann nicht einfach mein altes Skript in Folien umwandeln und damit ist die Arbeit getan“, sagt Fabian Taubert, Leiter der begleitenden Übungsveranstaltung. „Man muss die Folien direkt so aufbereiten, dass die Studierenden sie wirklich erfassen können – auch ohne die Vorlesung schon zu kennen.“ Bereits dieser erste Schritt halte der eigenen Lehre den Spiegel vor, berichtet Potts. „Ich muss mich fragen: An welcher Stelle fehlen Voraussetzungen? Und ist der Übergang von einem zum nächsten Inhalt klar?“
Zudem entfalle die Herausforderung, die unterschiedlichen Voraussetzungen der Studierenden zu überbrücken. In klassischen Lehrveranstaltungen bestehe oft ein Spannungsfeld zwischen denjenigen, die gut vorbereitet in die Vorlesung kommen, und jenen, die sich kaum oder gar nicht vorbereitet haben, erklärt Potts. „Das erzeugt einen Spagat: Man will die einen nicht langweilen, die anderen hingegen nicht überfordern. Das ist in unserem Format homogener.“
Zu den Personen
Prof. Dr. Daniel Potts
Daniel Potts ist Professor für Angewandte Funktionalanalysis an der Fakultät für Mathematik der TU Chemnitz.
Fabian Taubert
Fabian Taubert war im Rahmen des Projekts „D2C2“ im Teilprojekt „Digital Turning Point: Mathe-matik Digital” tätig. Parallel leitete er die Übung zur Mathematik-Vorlesung von Prof. Potts.
Dr. Katrin Rockenbauch
Katrin Rockenbauch war als Projektkoordinatorin bei „D2C2“ sowie in der Geschäftsstelle der Hochschuldidaktik Sachsen tätig.
Keine Angst vor Fragen
Auch die Studierenden mussten sich intensiv vorbereiten. „Das ist natürlich etwas völlig anderes, als sich nur in eine Vorlesung zu setzen und passiv die Inhalte zu konsumieren“, so Potts. Schließlich komme jede:r mehrfach dran, und gerade in der Mathematik baue das Wissen stark aufeinander auf. „Deshalb war es hier besonders wichtig, nicht den Faden zu verlieren und Fragen zu stellen, wenn es hakt.“
„Niemand sollte sich zurückhalten müssen aus Angst, eine vermeintlich dumme Frage zu stellen.“
Und Fragen seien häufig aufgekommen – sowohl in der Vorbereitung auf die eigene Vorlesung als auch währenddessen. „Wir haben uns Problemen gemeinsam angenommen und als Gruppe nach einem Lösungsweg gesucht“, sagt Potts. „Genau darum geht es ja: Die Studierenden sollen miteinander ins Gespräch kommen und sich gegenseitig weiterhelfen.“
Besonders spannend seien dabei die Aha-Momente und die daraus entstehenden Diskussionen gewesen. Ausschlaggebend dafür sei vor allem eine offene Kommunikationskultur innerhalb der Lehrveranstaltung. „Niemand sollte sich zurückhalten müssen aus Angst, eine vermeintlich dumme Frage zu stellen“, findet Taubert.
Zum Projekt
Das Lehrformat wurde im Rahmen eines Teilprojekts an der Technischen Universität Chemnitz erprobt, das zum Verbundprojekt „D2C2“ gehörte. Ziel des Projekts war es, zehn sächsische Hochschulen und die Berufsakademie Sachsen bei der Weiterentwicklung des digitalen Lehrens und Lernens zu unterstützen. Im Mittelpunkt standen der Ausbau digitaler Kompetenzen, digital gestützte Werkstatt- und Laborlehre, ein offener Mathematik-Aufgabenpool sowie gemeinsame Standards für digitale Prüfungen.
Die Umsetzung erfolgte in sechs fachspezifischen Professional-Learning-Communities, die auch nach Projektende bestehen bleiben, und orientierte sich an den Ansätzen „Students as Partners“ und „Scholarship of Teaching and Learning“. Die Gesamtkoordination lag beim Hochschuldidaktischen Zentrum Sachsen (HDS). Das Verbundprojekt wurde im Rahmen unserer Förderung „Hochschullehre durch Digitalisierung stärken“ bis Ende 2025 gefördert.
„Denkprozesse begleiten“
Den Rückmeldungen und der Evaluation zufolge kam das sehr gut an. „Die Studierenden hatten schon Respekt vor dem erhöhten Workload“, so Taubert. Diejenigen, die sich darauf einließen, seien jedoch sehr zufrieden gewesen – und darüber hinaus schnell belohnt worden. „Die Studierenden haben gemerkt: Das bringt mir etwas und ich fühle mich deutlich besser auf die Prüfung vorbereitet.” Auch das Engagement der Studierenden habe ihn positiv überrascht, sagt Potts: „Ich hätte nicht erwartet, dass einige wirklich so gerne vortragen.” Nach dem erfolgreichen ersten Einsatz im Master wurde die studentische Vorlesung auch in Bachelorveranstaltungen eingeführt.
Dennoch eigne sich das Format nicht für alle. Einige Studierende fühlten sich beispielsweise unwohl bei der Vorstellung, die Inhalte ihren Kommiliton:innen vorzutragen. Auch für Lehrende sei dieser Ansatz nur unter bestimmten Voraussetzungen empfehlenswert. „Man sollte besonders offen für die Meinungen und Gedanken seiner Studierenden sein“, sagt Dr. Katrin Rockenbauch, Koordinatorin des Verbundprojekts „D2C2“. „Und man muss sich darauf einlassen, die Studierenden bei den Denkprozessen zu begleiten, die man selbst schon hinter sich hat. Das erfordert echtes Interesse an Menschen und vermutlich viel Liebe zum eigenen Fachgebiet.“
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Zur Autorin
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.