„KI verschiebt die Struktur der Lehre“
Ein Beitrag von Greta Lührs
Wie verändert sich durch KI die Lehre?
Christian K. Karl: KI verändert nicht nur die Lehre, KI verschiebt die Struktur der Lehre grundlegend. Wissensvermittlung wird zunehmend automatisierbar. Besonders bei Standard-Aufgaben kann ich mich gut durch KI unterstützen lassen. Dadurch werden zeitliche Kapazitäten frei, die ich für andere Aufgaben nutzen kann. Was dadurch an Bedeutung gewinnt, ist didaktische Gestaltung, Lernprozessbegleitung und professionelle Urteilskraft. Genau hier liegt die eigentliche Herausforderung.
Was heißt das, also wie wirkt sich KI auf die Rolle der Lehrperson aus?
„Lehrende müssen stärker als zuvor strukturieren, rahmen, bewerten und Reflexion ermöglichen.“
Karl: Schon mit dem Aufkommen des Internets hat sich die Rolle der Lehrperson begonnen zu verändern und durch KI wird diese Entwicklung nun weiter verstärkt: Die Rolle der Lehrperson verschiebt sich von der Wissensvermittlung hin zur Lernarchitektur. Wir wissen bereits, KI kann ganz gut Inhalte generieren. Aber sie kann nicht die Qualität bewerten oder gar einen komplexen Lernprozess gestalten. Das bedeutet, Lehrende müssen stärker als zuvor strukturieren, rahmen, bewerten und Reflexion ermöglichen. Rein praktisch: Wo es um Wissensvermittlung geht oder auch darum, Lernimpulse zu geben, kann KI sehr gut unterstützen. Die Lehrperson bekommt mehr Relevanz als Ansprechperson und Vorbild. Ich kann und muss mehr den sozialen Kontakt zu den Studierenden suchen. Denn: Als Lehrender muss ich den gesamten Lernprozess im Blick haben, prüfen, ob das Lernziel erreicht wird und gegebenenfalls nachschärfen. Ich muss den Rahmen vorgeben, auch die Tools, die benutzt werden dürfen oder sollen. Didaktik wird im KI-Zeitalter nicht weniger wichtig, sie wird zentral. Mir ist es besonders wichtig, die Studierenden dabei zu begleiten, wie sie KI nutzen, indem ich sie immer wieder zur Reflexion anhalte.
Das Projekt „KI4Edu"
Im von uns geförderten Projekt „Künstliche Intelligenz für Lehren und Prüfen“ (KI4Edu) geht es an der Universität Duisburg-Essen um die Steigerung von KI-Kompetenzen bei Lehrenden.
Was sind denn die größten Vorteile von KI in der Lehre?
Karl: Für die Lernenden sind das KI-unterstützte Lernsysteme, die mit individualisierten Lernpfaden arbeiten. Dadurch wird Lernen individuell, die Studierenden bekommen Aufgaben gemäß ihres Lernstandes und werden in ihrer individuellen Entwicklung gefördert. Die Aufgaben können so interessant und zeitgemäß gestaltet sein. KI-unterstützte Lernmanagementsysteme können Studierenden hinsichtlich Effektivität und Tiefe bisher unerreichte Lernerfahrungen ermöglichen. Durch Learning Analytics kann die Technik besser als ein Mensch den Flow-Kanal treffen, also genau den Bereich zwischen Langeweile und Überforderung. Doch auch wenn individualisierte Lernpfade hilfreich sein können, Kompetenz entsteht nicht durch perfekte Anpassung allein. Kompetenz entsteht durch Irritation, Reflexion und eigenständige Entscheidung. Das heißt, wir müssen auch aufpassen, dass KI unsere Lernprozesse nicht zu glatt macht. Denn dann verlieren wir Erfahrungs- und Explorationsräume. Deshalb müssen wir KI didaktisch einbetten und nicht nur technisch einsetzen.
Welche Nachteile sehen Sie?
Karl: Bei aller Begeisterung für die Technologie sollte man der KI nicht zu viel „Intelligenz“ zusprechen. Selbst bei relativ einfachen Rechenaufgaben macht eine KI Fehler. Wir vertreten im KI4Edu Projekt konsequent das Human-in-the-Loop-Prinzip. Das bedeutet nicht nur Kontrolle. Es bedeutet Verantwortungsübernahme. Die KI liefert Vorschläge. Die Entscheidung bleibt beim Menschen. Und genau in dieser Entscheidung zeigt sich Kompetenz. Wir stehen also dafür ein, dass Menschen die Verantwortung übernehmen und immer wieder kontrollieren müssen, ob die KI richtig arbeitet.
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Zur Person
Dr. Christian K. Karl
Bauingenieur, Fachdidaktiker, Zukunftsforscher und Experte für die digitale Transformation in der Bau- und Immobilienwirtschaft. Er leitet die Fachdidaktik Bautechnik an der Universität Duisburg-Essen und forscht zu BIM (Building Information Modeling), Künstlicher Intelligenz, Future Skills und Resilienzbildung in der Bau- und Einsatzpraxis.
Was kann KI für die Lehre (noch) nicht leisten?
„KI modelliert Konsens, nicht Exzellenz.“
Karl: Ob sie das nie können wird, weiß ich nicht, aber ehrliches, offenes Feedback ist derzeit noch sehr schwierig. Das muss man sehr ausdrücklich einfordern. KI tendiert zum Mittelmaß, weil sie auf Wahrscheinlichkeiten basiert. Sie modelliert Konsens, nicht Exzellenz. In der Bewertung bedeutet das: Sie stabilisiert Durchschnitt, wenn keine klare Bewertungsarchitektur vorgegeben ist. Das haben wir mehrfach ausprobiert. Selbst, wenn man dem Modell ein Bewertungsraster vorgibt, bewertet es positiver als ein Mensch bewerten würde. Und wenn man die KI dann darauf stößt und sagt, dieser oder jener Punkt ist doch nicht ganz so gelungen, dann gibt sie einem immer recht. Das ist ungünstig, wenn ich objektives Feedback haben möchte. Es ist darum verständlich, wenn die Studierenden sagen, KI nützt ihnen zum Lernen und für erstes Feedback – aber bewertet werden wollen sie lieber von einem Menschen. Genau deshalb bleibt professionelle Urteilskraft unersetzlich, denn ehrliche soziale Interaktion und Beziehungsarbeit muss zwischen Menschen stattfinden, das kann keine KI ersetzen.
Wie erleben Sie die Einstellung der Lehrenden gegenüber KI?
Karl: Meiner Erfahrung nach ist das Interesse groß. Ich biete eine Fortbildung für Lehrende zum Thema KI an, die ist immer sofort ausgebucht. Wir befinden uns in einer Phase, in der die Motivation zum Selbstexperiment größer geworden ist. Ich beobachte: Die Lehrenden wollen KI nutzen – und sie wollen es richtig machen. Da geht es nicht nur um Arbeitserleichterung, sondern der Umgang mit KI ist sehr reflektiert und bedacht. Die Diskussion innerhalb der Hochschulen hat sich verschoben: Es geht nicht mehr um die Frage eines möglichen Verbots – zum Glück. Es geht mehr um die Frage, wie eine verantwortungsvolle und transparente Nutzung von KI aussehen kann. Da hat sich in den vergangenen anderthalb Jahren viel entwickelt.
Wie können Lehrende ihre KI-Kompetenzen erhöhen?
Karl: Grundsätzlich müssen wir uns im Klaren sein, dass KI-Kompetenz keine Zusatzqualifikation mehr sein wird, sondern Teil professioneller Lehrkompetenz. Sie entsteht durch Erfahrung, kritische Auseinandersetzung und didaktische Einbettung. Wer KI nur nutzt, ohne sie zu reflektieren, delegiert Verantwortung. Wer sie reflektiert einsetzt, erweitert seine pädagogischen Handlungsspielräume. Ich denke, es fehlt vielen Lehrenden an Orientierung angesichts der Vielzahl an KI-Tools, die es bereits gibt und die laufend entwickelt werden. Vielen bereitet zum Beispiel die Frage nach Datenschutz Bauchschmerzen, da wollen wir unterstützen und Wege zeigen, wie eine sichere Nutzung möglich ist. Wir haben im Projekt KI4Edu verschiedenste Ansätze und Richtungen. Dabei ist KI4Edu für uns kein Tool-Projekt. Es ist ein Kompetenzprojekt. Wir entwickeln Strukturen, in denen Lehrende KI reflektiert einsetzen können. Dazu gehört, dass wir einerseits selbst explorieren und prototypische Werkzeuge entwickeln. Andererseits geht es vor allem auch um Orientierung, didaktische Leitlinien und sichere Rahmenbedingungen. Unser Ziel ist nicht, möglichst viel KI einzusetzen, sondern sie professionell und verantwortungsvoll dort zu integrieren, wo es sinnvoll ist. So haben wir unter anderem frei nutzbare Publikationen sowie Moodle-Räume mit Lernressourcen und Werkzeugkästen für Lehrende entwickelt, die frei verfügbar sein werden. Entscheidend ist jedoch, selbst ins Handeln zu kommen, erste eigene Erfahrungen zu sammeln und diese mit anderen zu teilen.
Zur Autorin
Greta Lührs
Kommunikationsmanagerin
Greta Lührs ist Kommunikationsmanagerin der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.