Beitrag vom
07.10.2026
Transferkiosk
Fünf Transfer-Fragen: Performanzprüfungen im beruflichen Lehramtsstudium
Ein Beitrag von Raika Selle
Wie würden Sie Ihre Maßnahme in einem Satz beschreiben?
Für unsere beruflichen Lehramtsstudierenden haben wir ein Prüfungsformat eingeführt und weiterentwickelt, in dem sie gemeinsam mit Schauspieler:innen eine Beratungssituation aus ihrem zukünftigen Berufsalltag in der Schule simulieren.
Auf welche Herausforderung reagiert Ihre Maßnahme?
Mit dem „Shift from Teaching to Learning“ steigt der Bedarf an kompetenzorientierten Prüfungsformaten im Hochschulstudium. In der beruflichen Bildung stehen zudem Handlungsorientierung und soziale Interaktion im Mittelpunkt, gerade in den Berufsfeldern Gesundheit, Pflege und Körperpflege. Klassische Klausuren können diese Kompetenzen nur begrenzt erfassen. Aus unserer Sicht braucht es daher alternative Prüfungsformate, die diese Handlungskompetenzen in realen Situationen sichtbar machen. Die Performanzprüfung leistet genau das: Studierende können in einer authentischen Prüfungssituation zeigen, wie sie sich als zukünftige Lehrkräfte verhalten würden.
Ein weiterer Vorteil zeigt sich vor dem Hintergrund der Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Die Studierenden können sich zwar mit Unterstützung von KI vorbereiten, in der Prüfung selbst ist das jedoch keine Option, denn es geht um ihre tatsächliche „Performanz“ in einer authentischen Gesprächssituation.
Hinzu kommt die doppelte didaktische Perspektive: Auf der einen Seite erleben die Studierenden das Prüfungsformat selbst, auf der anderen Seite können sie es als angehende Lehrpersonen auch aus einer didaktischen Perspektive reflektieren. Im Anschluss evaluieren wir gemeinsam, ob sie sich ein solches Prüfungsformat auch für ihre eigene Lehre vorstellen können.
Zum Projekt
Das von uns geförderte Projekt „P:INK LBS“ (Prüfen: innovativ und kompetenzorientiert in Lehramtsstudiengängen für berufsbildende Schulen) hatte das Ziel, die Prüfungskompetenz von Lehramtsstudierenden im berufsbildenden Bereich zu stärken. Hierfür sollten handlungs- und kompetenzorientierte Prüfungsformate aus den Humandienstleistungen gezielt in das Studium integriert werden. Die Studierenden sollten so die Möglichkeit erhalten, praktische Erfahrungen mit analogen und digitalen Prüfungsformaten zu sammeln, deren Einsatz zu reflektieren und eine doppelte Handlungsperspektive auf Ausbildung und Berufspraxis zu entwickeln. Durch die gemeinsame Entwicklung und Anpassung von Prüfungsformaten durch Lehrende und Studierende sollte zudem die Verbindung zwischen universitärer Theorie und beruflicher Praxis unterstützt sowie die professionelle Handlungskompetenz zukünftiger Lehrkräfte gefördert werden. Das Projekt wurde im Rahmen von Freiraum 2022 bis Ende 2023 von uns gefördert.
Wer kann Ihre Maßnahme ebenfalls nutzen?
Das Format eignet sich nicht nur für die genannten Berufsbereiche in Gesundheit, Pflege und Körperpflege, sondern grundsätzlich für alle Bereiche, in denen Kommunikations- und Problemlösekompetenz gefragt sind – also überall dort, wo sich typische Arbeitssituationen, Konflikte oder Herausforderungen simulieren lassen. Denkbar ist der Einsatz beispielsweise in der Wirtschaft zur Prüfung von Managementkompetenzen, in den Kommunikationswissenschaften zur Gesprächsführung oder im Sport beim Erlernen einer bestimmten Technik. Wir sind überzeugt, dass sich dieses Prüfungsformat vielseitig einsetzen lässt.
Auch wir haben nicht bei null angefangen, sondern bestehende Ansätze für unseren Bereich adaptiert. Dabei haben wir uns stark an der OSCE-Prüfung („Objective Structured Clinical Examination“) aus Medizin und Pflege orientiert, zu der bereits zahlreiche Veröffentlichungen und Praxisleitfäden vorliegen, und die Materialien entsprechend angepasst. Das reichte von kleineren Änderungen, etwa dem Austausch einzelner Begriffe, bis hin zu umfassenderen Anpassungen, zum Beispiel im Bewertungsbereich. Hinzu kamen die Szenarien, die wir für unsere drei beruflichen Fachrichtungen vollständig neu entwickelt haben, einschließlich der Fallbeschreibungen und Rollenkarten für die Schauspieler:innen. So haben wir für unseren Bereich eine Art Hülse mit standardisierten Checklisten, Fällen und Bewertungskriterien geschaffen, die darauf ausgelegt ist, auch an andere Kontexte angepasst zu werden.
Zu den Personen
Prof. Dr. Ursula Walkenhorst
Ursula Walkenhorst ist Professorin für Didaktik der Humandienstleistungsberufe am Institut für Gesundheitsforschung und Bildung der Universität Osnabrück und war als Projektleiterin bei „P:INK LBS“ tätig.
Katharina Schwanke
Katharina Schwanke ist Doktorandin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Gesundheitsforschung und Bildung der Universität Osnabrück und war als Projektmitarbeiterin bei „P:INK LBS“ tätig.
Welchen Rat geben Sie Nachnutzenden für die Umsetzung?
Für uns hat es sich als sinnvoll erwiesen, sich nach der Prüfung fünf Minuten Zeit zu nehmen und mit den Studierenden zu sprechen. Diese kurzen Reflexionsgespräche sind sehr hilfreich, gerade weil es sonst nur selten Gelegenheit für ein direktes Feedback gibt. Sie verdeutlichen, auf welch unterschiedliche Weise die Prüfung inhaltlich angegangen werden kann. Zwar ist die Ausgangssituation immer gleich, die Herangehensweisen der Studierenden unterscheiden sich jedoch häufig. Zudem wird deutlich, dass Bauchentscheidungen allein nicht ausreichen, sondern fundiertes Wissen und eine gute Vorbereitung erforderlich sind. Genau daran werden Qualitätsunterschiede deutlich.
Ebenso wichtig ist es, sich des Aufwands bewusst zu sein. Ein solches Format einzuführen, neue Fälle zu entwickeln, Schauspieler:innen zu rekrutieren und die Prüfungen durchzuführen, kostet viel Zeit und Ressourcen. Man kann sich auch herantasten, indem man erstmal mit kleinen Rollenspielen arbeitet. Es lohnt sich, mutig zu sein und es einfach auszuprobieren. Nach mittlerweile vier Durchläufen hat sich das Format nun in unserem Studienbereich nachhaltig etabliert und wir würden diesen Aufwand nicht auf uns nehmen, wenn wir nicht überzeugt davon wären.
Was war Ihr wichtigstes Learning in Bezug auf die Maßnahme?
Wir haben gelernt, dass solche Formate nicht fachspezifisch sind, sondern sich auf unterschiedliche Kontexte übertragen lassen. Schließlich geht es übergeordnet um Handlungskompetenz, und die ist überall gefragt. Die Studierenden waren sehr dankbar für dieses „lebendige“ Prüfungsformat und es bleibt ihnen nachhaltig im Gedächtnis, denn sie werden hier anders gefordert: als Personen und angehende professionelle Lehrer:innen. Dabei geht es um mehr als die reine Reproduktion von Wissen. Das ist einmalig an der Universität und im Lehramtsstudium.
Auch wir als Lehrende konnten unsere Studierenden in den Prüfungen besser kennenlernen. Das ist eine andere Art der Begegnung als in den größeren Unterrichtsgruppen – und wir sind überzeugt, dass hochschulische Ausbildung mehr davon braucht, insbesondere mit Blick auf die Anforderungen einer sich verändernden Arbeitswelt. Das bestärkt uns darin, diesen Weg weiterzugehen.
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Zur Autorin
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.