Hochschulen fördern aufgeklärtes Denken
Ein Beitrag von Greta Lührs
Herr Prof. Dr. Thiel, Sie sprechen auf der Learning AID darüber, vor welche Herausforderungen KI Gesellschaft und Hochschulbildung in Bezug auf die Demokratie stellt. Inwiefern stresst KI die Demokratie?
Thorsten Thiel: KI stellt mehrere Herausforderungen an die Demokratie, das geht von Automatisierungsprozessen der Verwaltung über die Abhängigkeiten von Tech-Unternehmen bis hin zu Fragen nach der Organisation von politischer Partizipation. Auf der Ebene des öffentlichen Diskurses ist ein Grundproblem, dass die großen Sprachmodelle generell intransparent sind. Die Datenmengen sind so groß, dass kein Mensch alle Trainingsdaten kennen kann. Das kann ein Problem für den demokratischen Meinungsbildungsprozess sein, da Informationen schwerer zu verifizieren sind. Ein großer Faktor in der öffentlichen Diskussion sind Falschinformationen wie Deepfakes, die sich durch KI viel kostengünstiger und leichter herstellen lassen und durch die Sozialen Medien verbreitet werden. Darüber hinaus ist mittlerweile bekannt, dass Daten nicht neutral sind, sondern biased, das heißt, sie reproduzieren Ungleichheiten, die in den Trainingsdaten liegen.
Was unterscheidet KI in dieser Hinsicht von anderen Digitalisierungstechnologien?
Die Technologie ist viel individualistischer und weniger sozial als die vorherigen großen Digitalisierungstechnologien wie das Internet oder Social Media. Weil das Sprachmodell mir Informationen individuell zusammengefasst präsentiert, geht Pluralität verloren. Hinzu kommt: Renommierte Medienmarken, die Informationen durch journalistische Arbeit zur Verfügung stellen und die für eine überprüfbare Qualität stehen, werden weniger sichtbar. Beides ist eine Gefahr für eine unabhängige Meinungsbildung, die aber zentrale Voraussetzung in einer Demokratie ist.
Sie sprechen Gefahren an. Andersherum gedacht: Kann KI nicht auch Teilhabechancen erhöhen?
Das muss man differenziert betrachten. Es können zum Beispiel mehr Personen geschliffene Texte generieren als vorher. Das könnten mehr Bürger:innen nutzen und direkt an Abgeordnete schreiben und ihre Anliegen mitteilen. Doch was das für die Demokratie bedeutet, ist völlig unklar. Da stellen sich Fragen wie: Schafft die Politik Anschlussstellen, um eine solche Flut aus Signalen zu bearbeiten? Denkbar wäre das, man könnte sich zum Beispiel vorstellen, dass die Politik Bots baut, mit denen Bürger:innen direkt interagieren können. Doch so etwas erfordert einen umfassenden politischen Wandel, der gar nicht unbedingt mit der Technologie zusammenhängt. Teilhabe erfordert vor allem den Willen dazu, Teilhabe zu schaffen.
Wie kann Hochschullehre auf die Herausforderungen durch KI reagieren?
Hochschulen sind seit jeher wichtige Orte der Demokratiebildung und fördern die Ausbildung von liberalen, freiheitlichen und demokratischen Grundeinstellungen. Sie sind Orte der freien Wissensproduktion und eines aufgeklärten, rationalistischen Denkens. Und zwar nicht nur in Fächern, die direkt auf Politik bezogen sind, sondern insgesamt. Informationskompetenzen sind im Zeitalter von KI besonders wichtig, denn KI-Genese lässt sich nicht anhand von Merkmalen erkennen. Ich muss also wissen, wie ich an gesicherte Informationen komme und wie ich Quellen prüfen kann. Kritisches Urteils- und Reflexionsvermögen, wie es an Hochschulen vermittelt wird, ist dafür eine gute Basis.
Zur Person
Prof. Dr. Thorsten Thiel
Thorsten Thiel ist seit Oktober 2022 Professor für Demokratieförderung und Digitalpolitik an der Universität Erfurt.
Es ist oft die Rede davon, dass die demokratische Gesellschaft in vielerlei Hinsicht durch KI vor tiefgreifenden Umwälzungen steht. Welche Rolle kann die Hochschulbildung spielen, um diesen Wandel zu gestalten?
Neben den bereits angesprochenen Auswirkungen auf Demokratie und politische Öffentlichkeit verändert KI viele weitere Bereiche des gesellschaftlichen Lebens. Besonders intensiv diskutiert werden derzeit der Arbeitsmarkt und die Zukunft verschiedener Berufsbilder. Aber auch Themen wie Wertschöpfung in informationsbasierten Ökonomien, Pflege in einer alternden Gesellschaft oder der nachhaltige Umgang mit Energie und anderen knappen Ressourcen sind von den Veränderungen betroffen. KI birgt dabei gleichermaßen Chancen und Risiken.
Hochschulen haben die Aufgabe, zu diesen Entwicklungen fundiertes und differenziertes Wissen zu erarbeiten sowie ihre Wechselwirkungen zu erforschen und zu vermitteln. In einer zunehmend vernetzten Gesellschaft braucht es neben exzellenter Fachforschung vor allem interdisziplinären Austausch. Hochschulen sind dafür ein zentraler Ort – und Studierende können dazu beitragen, unterschiedliche Perspektiven zusammenzuführen und neue Lösungsansätze zu entwickeln.
Zur Learning AID
Die Learning AID ist die größte inhaltlich spezialisierte Fachtagung rund um Learning Analytics, Artificial Intelligence und Data Mining in der Hochschulbildung im deutschsprachigen Raum. Die Tagung bietet eine niedrigschwellige Vernetzungsplattform und vielfältige Möglichkeiten für einen bundesweiten, hochschulübergreifenden Austausch. Dieses Jahr findet sie am 1. & 2. September an der Ruhr-Universität-Bochum statt.
Wie gehen Sie mit KI in Ihrer eigenen Lehre um?
Ich gehe damit relativ offensiv um, zum Beispiel durch begleitete Schreibübungen: Wir erstellen ein Exposé zu einem Thema mit so viel KI wie möglich und schreiben dazu ein Reflexionspapier, das wir im Seminar besprechen. Ich zeige den Studierenden dann auch, was passiert, wenn wir einen Prompt zur Bewertung des Exposés eingeben, der die Stärken und Schwächen der Arbeit aufzeigen und eine Note vergeben soll. Das Ergebnis ist fast immer eine Note im Bereich zwei. Denn: Die Maschine versteht durch die Formulierung des Prompts, dass es Positives und Negatives in der Arbeit gibt und das führt zu dieser mittleren Entscheidung. Solche Übungen führen den Studierenden gut vor Augen, dass KI-Output immer eine Mischform ist aus menschlicher Eingabe und Analyseleistung der Maschine.
Teilen Sie die Sorge, dass Studierende durch KI das Denken verlernen?
Nein, das teile ich nicht. Es gibt gewisse Standardmuster der Technologiekritik, die sich wiederholen, wenn eine neue Technologie auftaucht. Phänomene wie das Internet, Suchmaschinen oder Wikipedia haben ähnliche Diskurse erzeugt. Damit will ich nicht sagen, dass es nichts Neues gibt: KI bringt neue Möglichkeiten ins Spiel. Aber dass es zu einem extremen Deskilling kommt, halte ich für unwahrscheinlich. Es wird Bequemlichkeitseffekte geben und vielleicht gehen gewisse Arten, Wissen zu adressieren, verloren. Dafür entstehen aber neue Kultur- und Lerntechniken, die zu der neuen Welt, in die wir da hineinstolpern, eventuell besser passen. Ob das auch eine demokratischere Welt ist, wird man sehen. Das hängt aber nicht allein von der Technologie ab.
Zum Autor
Greta Lührs
Kommunikationsmanagerin
Greta Lührs ist Kommunikationsmanagerin der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.