Beitrag vom
04.11.2026
Transferkiosk
Wohnen: sozial und nachhaltig
Ein Beitrag von Raika Selle
Der Wohnungsmarkt in Deutschland ist hart umkämpft. Dabei kommen insbesondere Wohnbedürfnisse marginalisierter sozialer Gruppen häufig zu kurz. Ein Lehrteam der Hochschule Mittweida hat sich dieser Situation angenommen. Im Projekt „PerSoNa“ („Perspektivwechsel für Soziale Nachhaltigkeit“) hat es ein interdisziplinäres Lehr-Lernformat entwickelt, an dem Studierende und Lehrende des Nachhaltigen Immobilienmanagements und der Sozialen Arbeit beteiligt waren. „Unser Hauptziel war es, die Perspektiven unterschiedlicher Akteursgruppen rund um das Thema soziale Nachhaltigkeit einzunehmen und uns selbst darin auszuprobieren“, sagt Humangeografin Dr. Elisa Gerbsch, die das Projekt koordiniert hat. „Besonders gereizt hat uns dabei die Herausforderung, zwei Studiengänge zusammenzubringen, die erstmal nichts miteinander zu tun haben“, ergänzt Stephan Beetz, Professor für Soziologie und Empirische Sozialforschung und Leiter des Projekts. „Das Thema sozial nachhaltiges Wohnen war unser Bindeglied.“
Soziale Nachhaltigkeit – was steckt dahinter?
Soziale Nachhaltigkeit werde – ähnlich wie der Nachhaltigkeitsbegriff im Allgemeinen – häufig mit ökologischen Aspekten assoziiert. Die Bedeutung gehe jedoch weit darüber hinaus, so Beetz. „Diesen Begriff zu füllen, ist in der Forschung gar nicht so einfach. Das war auch für uns ein Experiment.“
„Uns war schnell klar: Es soll um marginalisierte Wohnbedürfnisse und Gruppen mit erschwertem Zugang zum Wohnungsmarkt gehen“, so Gerbsch. Dazu zählen Menschen, die aufgrund ihrer sozialen, wirtschaftlichen oder persönlichen Lebensumstände auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt werden – etwa aufgrund von geringem Einkommen, Beeinträchtigungen, Migrations- oder Fluchterfahrung oder Wohnungslosigkeit. „Im Umkehrschluss bedeutet soziale Nachhaltigkeit für uns, mehr Integration auf dem Wohnungsmarkt zu fördern und eben jene Gruppen mit erschwertem Zugang zu unterstützen.“ Dafür seien sowohl bauliche und planerische als auch soziale und gemeinwohlorientierte Aspekte zu berücksichtigen, darunter die Wahl der Trägerformen, zum Beispiel durch eine Genossenschaft oder einen Verein. Hinzu kämen ökologische und wirtschaftliche Nachhaltigkeitskriterien.
ZU DEN PERSONEN
Dr. Elisa Gerbsch
Elisa Gerbsch ist Humangeografin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule Mittweida, wo sie als Koordinatorin des Projekts “PerSoNa” tätig war.
Prof. Dr. Stephan Beetz
Stephan Beetz ist Professor für Soziologie und Empirische Sozialforschung an der Hochschule Mittweida und war Leiter des Projekts “PerSoNa”.
Lernen am Leerstand
Für die Durchführung der Lehrveranstaltung hat die Stadt Mittweida dem Projektteam ein leerstehendes Gebäude zur Verfügung gestellt. „Nachhaltigkeit bedeutet eben auch, zu schauen, wie man ein Gebäude weiterentwickeln kann, statt es abzureißen“, sagt Gerbsch.
„Begonnen haben wir das Seminar mit einer thematischen und methodischen Einführung, einer Begehung des Gebäudes und der Vorstellung der beteiligten Akteur:innen“, berichtet Gerbsch. Darüber hinaus habe sich die Projektgruppe mit den Wohnbedürfnissen marginalisierter Gruppen, wohnungspolitischen, baulichen und technischen Perspektiven sowie Projektentwicklung befasst.
Im weiteren Projektverlauf führten die Studierenden Interviews und entwickelten in Gruppenarbeit Konzepte zur Nutzung des Gebäudes. „Die meisten der sechs entstandenen Konzepte zielten auf das Zusammenwohnen verschiedener Wohngruppen ab“, so Gerbsch. Dazu gehörten unter anderem intergenerationelles Wohnen und Verselbstständigungswohnen – eine Wohnform, bei der Jugendliche und junge Erwachsene gemeinsam lernen, selbstständig und eigenverantwortlich zu leben.
Die Ladenfläche im Erdgeschoss wurde entweder als Gemeinschaftsraum, Shared Office oder von den Bewohner:innen betriebenes Gewerbe, wie einem Café konzipiert. Auch die ökologische Nachhaltigkeit spielte eine wichtige Rolle bei der Konzeptentwicklung, beispielsweise bei der geplanten Energieversorgung des Gebäudes. In einem abschließenden Planspiel überlegten die Teilnehmen-den, wie es mit den entstandenen Ideen in einem Konzeptvergabeverfahren weitergehen könnte. Es fand eine öffentliche Ergebnispräsentation statt, bei der auch Mitarbeitende der Stadt und der Bürgermeister anwesend waren.
Die Arbeit mit einer realen Immobilie sei für das Projektteam von großer Bedeutung gewesen – und das Objekt alles andere als einfach. Die Studierenden mussten sich mit Hürden wie Sanierungsbedürftigkeit, Denkmalschutz und Parkplatzmangel auseinandersetzen. Das Interesse, das ihren Ideen vonseiten der Wohnungswirtschaft und der Stadtverwaltung entgegengebracht wurde, habe die Erfahrung umso wertvoller gemacht. „Dadurch wurden den Studierenden ihre eigenen Ergebnisse viel greifbarer“, erklärt Gerbsch.
Über das Projekt
Das Projekt “PerSoNa” der Hochschule Mittweida hatte das Ziel, ein interdisziplinäres Lehrformat zu entwickeln, das sich mit Sozialer Nachhaltigkeit im Bereich Wohnen auseinandersetzt. Studierende der Sozialen Arbeit und des Nachhaltigen Immobilienmanagements lernten dabei unterschiedliche Perspektiven von Akteur:innen aus Immobilienwirtschaft, Kommunalpolitik, Stadtverwaltung und sozialen Trägern kennen. Im Rahmen des Seminars erarbeiteten sie gemeinsam Wohnkonzepte, die insbesondere die Bedürfnisse von Menschen mit erschwertem Zugang zum Wohnungsmarkt berücksichtigen. Das Projekt wurde im Rahmen unserer Förderlinie “Freiraum 2023” von uns gefördert.
Interdisziplinarität als Herausforderung
Wenngleich gerade die Interdisziplinarität des Projekts eine große Bereicherung gewesen sei, habe sie auch Schwierigkeiten mit sich gebracht, findet Beetz. „Anders als man vielleicht denken könnte, lag die zentrale Herausforderung nicht im Zusammentreffen von sozial und ökonomisch denkenden Studierenden.“
Viel herausfordernder sei der Umgang mit den unterschiedlichen Fachlogiken und -routinen der beiden Studiengänge gewesen. Das betraf nicht nur die Kompatibilität der jeweiligen Modulanforderungen und Prüfungsordnungen, sondern auch die Herangehensweisen, das Aufgabenverständnis und die Tools der Studierenden. „Wir haben gemerkt, dass wir Lehrende je nach fachlicher Herkunft sehr unterschiedliche Sprachen sprechen und dass bestimmte Begriffe von den Studierenden dementsprechend anders übersetzt werden“, sagt Gerbsch. Auch wenn der fachübergreifende Austausch für Beetz „kein geradliniger Prozess, sondern eher ein Weg mit vielen Fragezeichen“ war, sieht er ihn als großen Erfolg an. Die Studierenden hätten gemeinsam Ideen erarbeitet und dabei ihren fachlichen Horizont erweitert.
Impulse für die Gesellschaft
Wie es mit dem mittlerweile verkauften Gebäude weitergeht, ist noch unklar. „Uns ging es mehr um den Prozess und die daraus entstandenen Ideen als um die fertigen Konzepte“, sagt Beetz. Dass eines davon tatsächlich realisiert werde, sei zwar bisher nicht absehbar, aber denkbar: „Da sind durchaus Bausteine enthalten, mit denen man weiterarbeiten könnte.“
Das Projekt habe dazu beigetragen, die Immobilie stärker ins Blickfeld der Stadt zu rücken, erzählt Gerbsch. Dabei seien wertvolle Begegnungen zwischen der Projektgruppe und relevanten Akteur:innen entstanden. „Genau das sollte ja passieren: dass Impulse aus der Hochschule in die Gesellschaft kommen und umgekehrt.“
Mehr Informationen zu dem Projekt, zum Beispiel, was das Projektteam für die Wiederholung oder Nachahmung solcher Vorhaben empfiehlt, lesen Sie im Transferkiosk.
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Zur Autorin
Raika Selle
Volontärin Kommunikation
Raika Selle ist Volontärin im Team Kommunikation der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.