Fragen statt Antworten: Der sokratische Chatbot
Ein Beitrag von Greta Lührs
Künstliche Intelligenz ist als Lernwerkzeug unter Studierenden vor allem beliebt, weil sie schnell und einfach Antworten liefert. Doch an der Universität Leipzig geht man bewusst einen anderen Weg: Der Chatbot „Dialogos BNE“ gibt keine direkten Antworten auf die Fragen der Studierenden aus, sondern stellt Rückfragen, um dem Wissen auf die Sprünge zu helfen. Das Projektteam erhofft sich davon einen nachhaltigeren Lernprozess und möchte zur Reflexion über die eigene KI-Nutzung inspirieren.
Das sokratische Prinzip
Wie der Name „Dialogos“ verrät, ist der Dialog das zentrale Prinzip des Chatbots. Als Vorbild dient die sokratische Gesprächsführung. Diese Methode geht auf den griechischen Philosophen Sokrates zurück, der Wissen nicht durch Belehrung vermittelte, sondern sein Gegenüber durch Fragen zur Erkenntnis führte. „Der Chatbot eröffnet zunächst ein Thema und stellt dann Rückfragen, damit das Nachdenken angeregt wird“, erzählt Franziska Brenner, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt. „Bei diesem Prinzip fungiert der/die Lehrende beziehungsweise in unserem Fall der Chatbot gewissermaßen als Hebamme, um die Gedanken zur Welt zu bringen.“
Der „Dialogos BNE“ ist ein Teilprojekt des von uns geförderten Projekts „Digitale Nachhaltigkeit in der Lehre“ (DiNaLe) an der Universität Leipzig. Das Projekt verbindet innovative digitale Lehrmethoden mit den Zielen der Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE). „Nachhaltigkeit spielt an unserer Universität eine wichtige Rolle“, sagt Brenner. Da KI-Modelle große Speicher- und Strommengen verbrauchen, sind sie aus ökologischer Perspektive nicht gerade nachhaltig. „Das lässt sich etwas beeinflussen, indem man zum Beispiel kleinere Modelle wählt, aber das Grundproblem bleibt bestehen“, so Brenner. Im Projekt findet darum auch eine kritische Auseinandersetzung mit der Frage statt, wie sich KI-Nutzung nachhaltiger gestalten lässt.
Das Projekt
Das Projekt „Digitale Nachhaltigkeit in der Lehre“ (DiNaLe) wird von uns im Rahmen von „Freiraum 2025“ gefördert. Kontakt: dinale@uni-leipzig.de
Nachhaltiges Lernen
Beim „Dialogos BNE“ steht die Frage, wie KI im didaktischen und kognitiven Sinne nachhaltig wirken kann, im Mittelpunkt. „Der sokratische Chatbot fördert Nachhaltigkeit, indem er einerseits fachlich über Nachhaltigkeit spricht. Andererseits macht er den Lernprozess nachhaltiger, weil die Studierenden intensiver selbst nachdenken und dadurch mehr hängen bleibt“, erklärt Brenner. Damit begegnet das Projektteam auch Ergebnissen aus Vorabbefragungen von Studierenden in puncto KI-Nutzung. Diese ergaben nämlich unter anderem, dass viele Studierende befürchten, Kompetenzen zu verlieren. Sie äußerten Bedenken, sich so stark an die KI-Nutzung zu gewöhnen, dass sie ihr Wissen in der Prüfung nicht abrufen können, berichtet Brenner.
Eine weitere Angst der Studierenden betreffe Fehlinformationen in KI-Modellen. Um dem vorzubeugen, wurde „Dialogos BNE“ an eine Wissensdatenbank angedockt. So kann der Bot dort, wo wenig Vorwissen vorhanden ist, gesicherte Informationen ausgeben, um das Gespräch aufrechtzuerhalten. Der Bot ist außerdem so programmiert, dass er weiterführende Aufgaben stellen und Tipps zur vertiefenden Lektüre geben kann. „Damit wollten wir vermeiden, dass die Studierenden frustriert sind, wenn sie gar keine Antworten, sondern ausschließlich Rückfragen erhalten“, so Brenner.
Anstrengender als gängige KI
Frustration sei ein mögliches Hindernis in der Nutzung, resümiert Brenner aus ihren Erfahrungen mit den Studierenden. Diese seien es inzwischen gewohnt, von einer KI schnelle Antworten zu erhalten. Viele empfänden den „Dialogos BNE“ gegenüber einer „normalen“ KI als anstrengend. Positiv bewerteten die Studierenden in der Nachbefragung hingegen die Möglichkeit, andere Perspektiven auf ein Thema und neue Denkanstöße zu gewinnen. Gerade für ein initiales Brainstorming empfanden viele das Gespräch mit dem sokratischen Chatbot als bereichernd.
Den technischen und organisatorischen Prozess hinter dem Chatbot wird das Projektteam öffentlich zugänglich machen, damit auch andere Hochschulen darauf zugreifen können. Dazu werden auch die entsprechenden System-Prompts gehören. Ist das System einmal etabliert, können sich Lehrende prinzipiell einfach über einen Account anmelden, den Bot mit ihrem Lehrmaterial füttern und in ihrer Lehrveranstaltung nutzen. Laut Brenner eignet sich der Bot besonders dort gut, wo über Inhalte reflektiert werden soll.
Zur Person
Franziska Brenner
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Leipzig und im Projekt DiNaLe (links im Bild). Im Team E-Learning der Universität Leipzig sind ebenfalls mit beteiligt: Stefanie Falck (rechts im Bild), Maria Beltz und Philip Brunner.
Anleitung und Begleitung
Brenner hat auch Erfahrungen gesammelt, was den Einsatz erschweren kann. Beim Versuch, „Dialogos BNE“ in einer Ringvorlesung zu nutzen, zeigte sich, dass das Konzept mit wechselnden Vortragenden sowie Teilnehmenden zu lose war, um den Chatbot optimal anzuwenden. „Es ist sinnvoll, die Studierenden mehr anzuleiten und ihnen deutlich zu machen, warum wir uns für diese Form der KI entschieden haben“, meint Brenner. Mit mehr Kontextinformationen und Anleitung steigt Brenner zufolge auch die Akzeptanz für die aufwändigere Variante von KI. „In der Erfahrung, wie anstrengend das Selbstdenken beim ‚Dialogos BNE‘ im Vergleich mit der normalen KI empfunden wird, steckt viel Reflexionspotential für die eigene KI-Nutzung.“ Damit es dazu kommt, müssten die Studierenden sich auf die fragende KI einlassen und ihren Mehrwert verstehen können.
Ob Studierende zusätzlich zum „Dialogos BNE“ noch klassische KI-Tools verwenden? Wahrscheinlich, vermutet Brenner. Aber sie hält es trotzdem für sinnvoll, als Hochschule Angebote wie den sokratischen Chat zu machen, um Studierende für einen kritischen Umgang mit KI zu sensibilisieren. „Gleichzeitig bin ich positiv überrascht, wie vielen Studierenden die Risiken exzessiver KI-Nutzung im Studium bereits bewusst sind. Die Angst, Studierende würden wahllos KI-Tools nutzen und dabei verdummen, scheint mir unbegründet.“
Zur Autorin
Greta Lührs
Kommunikationsmanagerin
Greta Lührs ist Kommunikationsmanagerin der Stiftung Innovation in der Hochschullehre.